500 Jahre Martin Luther und die Reformation, 4. Predigt (05.03.2017)
4. Vom Mönch zum Reformator oder „Wann wurde Luther eigentlich evangelisch?“
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.      
Amen.
 
Liebe Gemeinde!
500 Jahre Martin Luther und die Reformation, heute die 4. Predigt: Vom Mönch zum Reformator oder „Wann wurde Luther eigentlich evangelisch?“
Als Martin Luther, damals noch Luder genannt, am 17. Juli 1505 am Tor des Augustiner-Eremieten-Klosters zu Erfurt um Aufnahme bat, war ihm das schon Ernst damit. Er wollte sich durch ein strenges Leben als Mönch das ewige Seelenheil verdienen. Dass er vorher ein besonders religiöser Mensch gewesen wäre, lässt sich nicht behaupten. Er hatte sein Studentsein genossen. War religiös wie jeder andere auch, ging zur Messe, ging zur Beichte.
Die letzten tieferen Gründe für seinen Entschluss, Mönch zu werden, lassen sich wohl nicht mehr eindeutig feststellen. War es der Wunsch, der strengen und ordnenden Hand des Vaters zu entfliehen, wie einige Historiker meinen? Schließlich hatte der Vater sein Leben vorgeplant: Studium, Heirat, Eintritt ins Familienunternehmen. Der Grundstein dazu war ja gelegt: Im Januar hatte er das damals übliche philosophische Grundstudium abgeschlossen und die Prüfungen als 2. von 17 Kandidaten bestanden. Er war nun Magister, der selber ab April 1505 Vorlesungen vor Studienanfängern zu halten hatte. Und am 19. April hatte er sein eigenes Jurastudium begonnen.
Oder war es doch das Blitz-Ereignis in der Nähe von Stotternheim, das dadurch ihm entschlüpfte Gelübde, die Erfahrung, dem Tode so nahe gewesen zu sein? Er selber erzählte viel später (im Jahre 1539) in einer seiner Tischreden darüber:
 
„Heute jährt es sich, dass ich in das Kloster zu Erfurt gegangen bin. – Und er begann die Geschichte zu erzählen, wie er ein Gelübde getan, als er nämlich kaum 14 Tage vorher unterwegs gewesen und durch einen Blitzstrahl bei Stotternheim nicht weit von Erfurt derart erschüttert worden sei, dass er im Schreck gerufen habe: Hilf du, heilige Anna, ich will ein Mönch werden! … Nachher reute mich das Gelübde, und viele rieten mir ab. Ich aber beharrte darauf und am Tage vor Alexius lud ich die besten Freunde zum Abschied ein, damit sie mich am morgigen Tag ins Kloster geleiteten. Als sie mich aber zurückhalten wollten, sprach ich: Heute seht ihr mich zum letzten Mal. Da gaben sie mir unter Tränen das Geleite. Auch mein Vater war sehr zornig über das Gelübde, doch ich beharrte bei meinem Entschluss. Niemals dachte ich das Kloster zu verlassen. Ich war der Welt ganz abgestorben.” (in: Weimarer Ausgabe Tischreden 4, 4707, 1539)
 
Es war dabei wohl nicht der Tod selber, der als besonders erschreckend vor Luther auftauchte, sondern eher die Frage: „Wie geht es danach weiter?“ Die Theologie und die Prediger damals sprachen vom Jüngsten Gericht, von der ewigen Verdammnis, von einem Christus als Weltenrichter, von einem zornigen Gott ohne Gnade, von Fegefeuer und Hölle.
Das jagte den Menschen Angst ein und diese Angst steckte auch Luther in den Knochen, im Herzen und im Kopf. Sündenanfechtung und Sorge um das Seelenheil haben den sonst als fröhlich und musikliebend geschilderten Studenten möglicherweise schon länger heimlich gequält, so dass er sich jetzt, im Bewusstsein, plötzlich vor Gottes Richterstuhl treten zu müssen, zu der entsagungsreichen Lebensform im Kloster berufen fühlt.
Dahinter steckte die Grundsatzfrage: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Die Antwort der damaligen Zeit: durch ein frommes, Gott wohlgefälliges Leben, durch gute Werke wie Almosen geben, Wallfahrten unternehmen, Reliquien verehren, Rosenkränze beten, und strenges Fasten. Und der Königsweg – durch ein Leben im Kloster als Mönch oder Nonne. Das bedeutet: „Wachen, fasten, frieren, schweigen, sich demütigen, betteln, siebenmal täglich das Stundengebet beten, im Sterbegewand schlafen, im Kloster gleichsam lebendig begraben sein und tatsächlich in aller Regel jung sterben. Dieser entsagungsvolle Weg galt, wegen seiner Mühen, als der direkte und sichere Weg zu Gott und zur Seligkeit.“ (in: Hanns Leiner: Luthers Theologie für Nichttheologen, S. 26)
Luther ging diesen Weg in konsequenter Gradlinigkeit. 1533 bekennt er: „Ist je ein Mönch in den Himmel gekommen durch Möncherei, so wollte ich auch hineingekommen sein.“ Diese Einstellung fand Anerkennung bei einem Teil seiner Mitbrüder, besonders aber bei den Ordensoberen, die ihn immer wieder förderten. Besonders Johannes von Staupitz (1469-1524) ist da zu nennen: er war seit 1503 Gründungsdekan der Wittenberger theologischen Fakultät und zugleich Generalvikar des deutschen Augustinerordens (Observantenkongregation).
Für Luther galt: Eine Klosterkarriere begann uns setzte sich (scheinbar) unaufhaltsam fort:
 
17.07.1505              - Eintritt ins Kloster
Herbst 1505           - Beginn des Novizenjahres
Herbst 1506           - Profess = Ablegung der Ordensgelübde
19.09.1506              - Weihe zum Subdiakon
27.02.1507              - Weihe zum Diakon
03.04.1507              - Priesterweihe im Erfurter Dom
02.05.1507              - Primiz = erste Messe gehalten
Sommer 1507         - Beginn des Studiums der Theologie.
Oktober 1508         - Wechsel zum Studium der Theologie und als
  Dozent der Artisten-Fakultät nach Wittenberg
09.03.1509              - Baccalaureus biblicus in Wittenberg
Oktober 1509         - Ernennung zum Baccalaureus sententiarius
                                  und Rückkehr nach Erfurt
November 1510     - Romreise (oder Oktober 1511 - Februar 1512)
  > Luder macht alles mit, was man an Heil kriegen   
   kann  
Ende Januar 1511 - Rückreise von Rom
Spätsommer 1511 - Luder wird endgültig nach Wittenberg versetzt
September 1511    - Luder wird Konventsprediger
Mai 1512                 - Luder wird Prediger, Subprior und Studienleiter
  für das Wittenberger Kloster
18./19.10.1512        - Promotion zum Doktor der Theologie
22. 10.1512             - Luder wird Nachfolger von Staupitz auf dessen
  Bibelproffessur > bis zu seinem Tode ist das  
  seine berufliche Grundlage
1514                        - Luder wird Prediger an der Stadtkirche in
  Wittenberg
29.04./01.05.1515   - Luder wird Distriktsvikar seines Ordens
  (über 10 Klöster).
 
In zehn Jahren vom vielversprechendem aber unbedeutendem Jurastudenten zum angesehenen und beliebten Klosterbruder, Ordensmann, Priester, Prediger und Universitätsprofessor.
Doch was hier so zielgerichtet und unproblematisch aussieht, war für Luther mit tiefen inneren Kämpfen verbunden. Luther suchte den gnädigen Gott, fand ihn aber nicht. Weder die Beichte noch die Eucharistie, weder Beten noch Fasten, weder Studieren noch Wachen brachten ihm den Durchbruch in dieser Frage. Sein Gewissen gab keine Ruhe. Er konnte tun was er wollte, die Angst, die Schuld, die Verzweiflung blieben. Hölle, Tod und Teufel waren näher als Christus, Gott und Himmel. Luther scheiterte mit dem Versuch Gott durch gute Werke gnädig zu stimmen völlig. Rückblickend auf diese Klosterzeit und die erlebten Anfechtungen dichtete Luther im Jahr 1523 sein Lied „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ (EG 341):
 
2. Dem Teufel ich gefangen lag,
im Tod war ich verloren,
mein Sünd mich quälte Nacht und Tag,
darin ich war geboren.
Ich fiel auch immer tiefer drein,
es war kein Guts am Leben mein,
die Sünd hatt’ mich besessen.
 
3. Mein guten Werk, die galten nicht,
es war mit ihn’ verdorben;
der frei Will hasste Gotts Gericht,
er war zum Gutn erstorben;
die Angst mich zu verzweifeln trieb,
dass nichts denn Sterben bei mir blieb,
zur Höllen musst ich sinken.
 
Der äußerlich so erfolgreiche Mönch Martin Luther drohte in der Hölle der Gottverlassenheit und der Gottesfeindschaft zu versinken.
Doch 1523 dichtete Luther weiter:
 
4. Da jammert Gott in Ewigkeit
mein Elend übermaßen;
er dacht an sein Barmherzigkeit,
er wollt mir helfen lassen;
er wandt zu mir das Vaterherz,
es war bei ihm fürwahr kein Scherz,
er ließ’s sein Bestes kosten.
 
5. Er sprach zu seinem lieben Sohn:
»Die Zeit ist hier zu erbarmen;
fahr hin, meins Herzens werte Kron,
und sei das Heil dem Armen
und hilf ihm aus der Sünden Not,
erwürg für ihn den bittern Tod
und lass ihn mit dir leben.«
 
Ja, da muss es einen Durchbruch durch diese Verzweiflung gegeben haben. Spätere lutherische Legendenbildung nannte dass dann das „Turmerlebnis“. Die neue Lebensqualität besingt Luther gleich in der ersten Strophe unseres Liedes:
 
1. Nun freut euch, lieben Christen g’mein,
und lasst uns fröhlich springen,
dass wir getrost und all in ein
mit Lust und Liebe singen,
was Gott an uns gewendet hat
und seine süße Wundertat;
gar teu’r hat er’s erworben.
 
Der Weg hierher aber war für Luther äußerst beschwerlich. Ein hilfreicher Begleiter war der schon genannte Johannes von Staupitz, der ihm als Beichtvater ein positiveres Christusbild zu vermitteln suchte; der ihn besonders aber dazu bestimmte die Bibelprofessur zu übernehmen, die Luther nun ein intensives Bibelstudium abverlangte.
 
Vorlesungen über die Psalmen in den Jahren 1513-1515, über den Römerbrief 1515-1516, den Galaterbrief 1516-1517 und den Hebräerbrief 1517-1518 brachten ihn immer wieder mit dem Wort, mit der Formulierung „Gottes Gerechtigkeit“ in Kontakt. Dieser Formulierung konnte er nichts Positives abgewinnen, da er sich vor Gottes Gerechtigkeit ja seit Jahren so sehr gefürchtet hatte.
 
Bis er erkannte, dass es sich nicht um eine vom Menschen zu erbringende Leistung handelt, sondern um ein Geschenk Gottes. Gott ist gerecht, indem er gerecht macht. Wir müssen keinen zornigen Gott besänftigen, da Gott barmherzig und gnädig ist. Damit fielen alle Angst und Verzweiflung von Luther ab.
In der Vorrede zu Band I seiner lateinischen Schriften der Wittenberger Luther-Ausgabe (1545) beschreibt Martin Luther seinen reformatorische Durchbruch, das später sogenannte Turmerlebnis:
 
„Unterdessen war ich in diesem Jahre von neuem daran gegangen, den Psalter auszulegen. Ich vertraute darauf, geübter zu sein, nachdem ich die Briefe des Paulus an die Römer, an die Galater und an die Hebräer in Vorlesungen behandelt hatte. Mit außerordentlicher Leidenschaft war ich davon besessen, Paulus im Brief an die Römer kennenzulernen. Nicht die Herzenskälte, sondern ein einziges Wort im ersten Kapitel (V. 17) war mir bisher dabei im Wege: »Die Gerechtigkeit Gottes wird darin (im Evangelium) offenbart.« Ich haßte nämlich dieses Wort »Gerechtigkeit Gottes«, weil ich durch den Brauch und die Gewohnheit aller Lehrer unterwiesen war, es philosophisch von der formalen oder aktiven Gerechtigkeit (wie sie es nennen) zu verstehen, nach welcher Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten straft.
Ich konnte den gerechten, die Sünder strafenden Gott nicht lieben, im Gegenteil, ich haßte ihn sogar. Wenn ich auch als Mönch untadelig lebte, fühlte ich mich vor Gott doch als Sünder, und mein Gewissen quälte mich sehr. Ich wagte nicht zu hoffen, daß ich Gott durch meine Genugtuung versöhnen könnte. Und wenn ich mich auch nicht in Lästerung gegen Gott empörte, so murrte ich doch heimlich gewaltig gegen ihn: Als ob es noch nicht genug wäre, daß die elenden und durch die Erbsünde ewig verlorenen Sünder durch das Gesetz des Dekalogs mit jeder Art von Unglück beladen sind – mußte denn Gott auch noch durch das Evangelium Jammer auf Jammer häufen und uns auch durch das Evangelium seine Gerechtigkeit und seinen Zorn androhen? So wütete ich wild und mit verwirrtem Gewissen, jedoch klopfte ich rücksichtslos bei Paulus an dieser Stelle an; ich dürstete glühend zu wissen, was Paulus wolle.
Da erbarmte sich Gott meiner. Tag und Nacht war ich in tiefe Gedanken versunken, bis ich endlich den Zusammenhang der Worte beachtete: »Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm (im Evangelium) offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus dem Glauben.« Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als eine solche zu verstehen, durch welche der Gerechte als durch Gottes Gabe lebt, nämlich aus dem Glauben. Ich fing an zu begreifen, daß dies der Sinn sei: durch das Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart, nämlich die passive, durch welche uns der barmherzige Gott durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: »Der Gerechte lebt aus dem Glauben.« Da fühlte ich mich wie ganz und gar neu geboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein. Da zeigte mir die ganze Schrift ein völlig anderes Gesicht. Ich ging die Schrift durch, soweit ich sie im Gedächtnis hatte, und fand auch bei anderen Worten das gleiche, z.B.: »Werk Gottes« bedeutet das Werk, welches Gott in uns wirkt; »Kraft Gottes« – durch welche er uns kräftig macht; »Weisheit Gottes« – durch welche er uns weise macht. Das gleiche gilt für »Stärke Gottes«, »Heil Gottes«, »Ehre Gottes«.
Mit so großem Haß, wie ich zuvor das Wort »Gerechtigkeit Gottes« gehaßt hatte, mit so großer Liebe hielt ich jetzt dies Wort als das allerliebste hoch. So ist mir diese Stelle des Paulus in der Tat die Pforte des Paradieses gewesen.“ (Kurt Aland: Luther deutsch. Band 2, S. 19-21)
       
So hat Luther also den gnädigen Gott gefunden, man kann auch sagen, so wurde Luther evangelisch, weil er nur das Evangelium Gottes zu sich sprechen ließ. Damit war dann letztlich auch der bisherige Königsweg hin zur Gerechtigkeit Gottes, hin zum gnädigen Gott, das Mönchswesen, für ihn überflüssig geworden.
Allerdings war dieser reformatorische Durchbruch kein schlagartiger, sondern ein schleichender. Luther sagte es ja selber, über die Jahre hin, über die verschiedenen Vorlesungen hin, von 1513-1518, hat es gedauert. Ja selbst den Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517 sieht er nur als Durchgangsstation, als äußerliches Zeichen der inneren Kämpfe. Die Frage vom Anfang „Wann wurde Luther eigentlich evangelisch?“ kann nicht mit einem konkreten Datum beantwortet werden, sondern muß als Prozess verstanden werden.
       
Liebe Gemeinde!
Der Weg vom Mönch zum Reformator bedeutete für Luther von der Verzweiflung zur Gewissheit, von der Angst zum Glauben geführt zu werden. Das ist die Rechtfertigung des Sünders allein durch die Gnade Gottes. Das ist die Wiederentdeckung der evangelischen, der evangeliumsgemäßen Botschaft der Bibel. Das ist die Reformation, die Erneuerung der Kirche, die wir zu großen Teilen eben Martin Luther verdanken.
 
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus.           

   Amen.