Liebe Gemeinde!


Selig werden mich preisen alle Geschlechter“ (Lukas 1,48) - Ein evangelischer Pfarrer und Maria - so das Thema dieser Predigt.


Wie kommt ein evangelischer Pfarrer dazu, in einer katholischen Messe eine Predigt über Maria zu halten? Indem der katholische Kollege ihn freundschaftlich dazu „dienstverpflichtet“ hat. Und ich muss sagen: Es hat mir richtig Spaß gemacht, mich darauf vorzubereiten. Danke dafür, Christoph!
Wenn man heutzutage Menschen auf der Straße fragt: Worin unterscheiden sich eigentlich die evangelische und die katholische Kirche? Dann wird man, - sofern überhaupt noch ein Gespür für solche Unterschiede besteht -, mit Sicherheit zwei Antworten erhalten: der Papst und Maria. Und daran ist dann, leider, viel Wahres dran.
Wer Papst sagt, meint damit dann auch Inhalte wie Kirchenverständnis, Amt und Abendmahl. Und wer Maria sagt, meint dann auch ganz bestimmte Formen der katholischen Frömmigkeit, wie Rosenkranz, Heiligenverehrung und eben auch die Marienverehrung.
Über bestimmte Aspekte der Kirchen- und Ämterfrage ist wohl am vergangenen Donnerstag durch Weihbischof Hegge an dieser Stelle nachgedacht worden. Bleibt also Maria. 
Maria gehört natürlich auch in die Vorbereitung auf Weihnachten in der evangelischen Kirche. Die Texte aus dem Lukas-Evangelium kommen auch da vor: so zum Beispiel der Lobgesang des Zacharias, das Benedictus am 1. Advent, der Lobgesang der Maria, das Magnificat am 4. Advent. Und dennoch wird Maria in der Evangelischen Kirche anders verstanden als in vielen Äußerungen durch katholische Christen. 
Dazu möchte ich Ihnen ein ganz persönliches Erlebnis erzählen:
Ein evangelischer Christ ist gestorben. Die Beerdigung ist schon fast vorbei. Ich trete vom Grab zurück, wende mich zuerst der katholischen Witwe zu, dann den anderen Angehörigen. Mit einem einladenden Geste ermuntere ich die Familie zum Grab zu treten. In dem Moment fällt die Witwe auf die Knie und betet inbrünstig: „Maria, warum hast du denn nicht geholfen. Ich habe doch so sehr gebeten und gefleht. Doch du warst nicht da. Du hast uns verlassen.“
Ich muss gestehen, ich war sprachlos, verwirrt, ja auch ein wenig abgestoßen. Ich fühlte mich einfach fehl am Platze. Nicht nur, dass uns in unserer Kultur solch starken Gefühlsausbrüche in der Öffentlichkeit befremdlich sind, nein, es war das Gebet an Maria, das mich völlig irritierte und auch heute bei solch einer Gelegenheit irritieren würde.
Warum ist das so? 
Dazu will ich einige Sätze und Aussagen wiedergeben, die ich willkürlich aus evangelischen Glaubensbüchern und theologischen Lehrbüchern ausgewählt habe:
1. kirchliche Aussagen über Maria haben stets christologische Aussagen zu sein, d.h. Christus steht im Mittelpunkt;
2. die Mariologie, die Lehre über Maria, kann daher kein 'eigenständiger' Bereich christlicher Glaubenslehre, der Dogmatik sein;
3. Ehrung der Maria ja – aber keine Verehrung, und keine Anrufung, keine Anbetung;
4. Martin Luthers Verstehensprinzip für kirchliche Aussagen über Maria lassen sich so zusammenfassen:
a) Es muss deutlich sein, dass es um die Ehre Christi geht, nicht um die Ehre Marias;
und
b) Über die Bibel hinaus darf, Zitat Luther: „hier nichts Gewisses zu glauben gepredigt werden”;
5. dass gerade Maria zur Gottesmutter auserwählt wurde, führt Luther allein auf die Gnade Gottes und nicht auf die Verdienste Mariens zurück;
6. aus einer ganz neuen Darstellung der Reformationsgeschichte; zur katholischen Marien-Frömmigkeit heißt es da:
„Unter den heiligen Helfern ragte Maria hervor; wie keine Zweite deckte sie ein geradezu universales Spektrum an Sinnbezügen und Lebensentwürfen ab: von der Himmelskönigin bis zur armen Magd, von der gebärenden oder klagenden Mutter bis zur Schutzmantelmadonna, die selbst die Trinität beschützt, von der tugendhaften Ehefrau und gehorsamen Tochter bis zur thronenden Gottesmutter, von der erotischen Schönheit bis zur Miterlöserin“;
und 7. noch ein Zitat von der Internet-Seite der EKD. Dort gibt es ein kleines Lexikon, ein Glaubens-ABC. Zum Stichwort Maria heißt es:
„Maria ist die Mutter Jesu. Nach Matthäus hatte sie neben ihrem erstgeborenen Sohn Jesus noch vier weitere Söhne und mindestens zwei Töchter (Matthäus 13,55f.). Sie gehörte der ersten Jerusalemer Christengemeinde an (Apostelgeschichte 1,14). Im Laufe der Geschichte der Kirchen wurde sie mehr und mehr verehrt als „Gottesgebärerin“.
Und dann geht es weiter: 
„Aus evangelischer Sicht sind die beiden von der römisch-katholischen Kirche formulierten Mariendogmen von der „unbefleckten Empfängnis Marias“ (1884) und ihre „leibliche Aufnahme in den Himmel“ (1950) biblisch nicht zu begründen. Die Marienfrömmigkeit markiert heute einen der deutlichsten Unterschiede zwischen den Konfessionen.“
Liebe Gemeinde!
Alle diese Aussagen aus Geschichte und Gegenwart machen deutlich, das evangelische Frömmigkeit und Theologie vor einer Sache Angst hat, nämlich dass Gott und Christus in ihrer Ehre geschmälert werden. 
Kein Mensch, so evangelische Auffassung, kann an der Erlösung der Menschen mitwirken. Allein von Gott geht das Heil aus, allein Christus ist der Erlöser. Keine Kirche, kein Papst, kein Mensch, kein Heiliger und eben auch nicht Maria haben Anteil am Werk der Erlösung. Heil und Gnade kommen allein von Gott und allein Christus ist der Vermittler. Und wir brauchen nichts, aber auch gar nichts anderes zu tun, als dies zu glauben. Und so sind wir gerechtfertigte Sünder, d. h. Gott, er allein, spricht uns frei. -
Und Maria? 
Maria ist das, was die Bibel über sie sagt: Lukas-Evangelium 1. Kapitel (Verse 28-31 und 34-35):
„28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!
29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?
30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.
31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. … 
34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?
35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.“
Bei all diesem ist Maria passiv, Gott, der Heilige Geist handelt. Nichts geht von Maria aus. Sie erduldet was geschieht. Sie ist damit wohl einverstanden, vielleicht sogar erst nachträglich, aber sie ist die, die mit Gnade begnadet wird – es geht keine Gnade von ihr aus.
Und so ist sie uns evangelischen Christen, so ist sie mir, ein Vorbild im Glauben, im Glaubensgehorsam. Gott nimmt Maria in seinen Dienst. Und ich wünsche mir, wenn ich von Gott in seinen Dienst genommen werde, dass ich dann so handle wie Maria: 
„38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.“
Und dass ich dann zusammen mit ihr so singen kann:
„46 Meine Seele erhebt den Herrn,
47 und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
50 Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.“ (Lukas 1,46b-50)
Um die evangelische Sicht noch einmal deutlich zu machen, was Maria für uns nicht ist, nicht sein kann und was sie für uns sein kann, hier noch einmal zwei Zitate. Zuerst aus dem Evangelischen Erwachsenen-Katechismus. Dort heißt es (S. 295):
„Als »Heilsmittler« ausgeschlossen sind z. B. auch die sog. Heiligen, ausgeschlossen sind aber auch Maria und die Kirche. Maria und die Heiligen können nach dem lutherischen Bekenntnis wohl Vorbilder des Glaubens und Beispiele für Gottes Gnade sein, nicht aber »Heilsmittler«. Und die Kirche bezeugt zwar das rechtfertigende Wirken Gottes, aber sie bleibt selber Geschöpf des rechtfertigenden Wortes Gottes.“ 
Positiv gewendet kann ich aber auch folgendes nur bejahen:

  1. „Maria ist ein trostreiches Beispiel für die Gnade Gottes, die die Niedrige ansieht und Großes an ihr tut.
  1. Maria ist ein rühmliches Beispiel christlicher Demut, die auch als Begnadete bescheiden bleibt und sich nicht überhebt.
  1. Maria ist als Glaubende Beispiel für unseren Glauben.
  1. Maria ist ein Vorbild dafür, Gott zu loben und zu danken; wir können und sollen in ihr Magnificat einstimmen.“
  1. (Hans Leiner: Luthers Theologie, S. 255)

Liebe Gemeinde!
Zum Abschluss ein Gedanke den man noch weiterdenken müsste. In einem Gespräch, das jetzt als Buchveröffentlichung vorliegt, soll Papst Franziskus folgendes gesagt haben: „Marienverehrung ist keine Anbetung, sie ist die Liebe, die Kinder für ihre Mutter haben.“ Maria bleibt hier ganz Frau, ganz Mensch. Ja – Franziskus behält offensichtlich wohl gerade die irdische Mutter in ehrendem Angedenken – aber das war´s dann auch.
Ich kenne die übrigen 258 Seiten des Buches nicht. Aber hier könnte ein Ansatz für ein ökumenisches Marienverständnis liegen. Maria, die irdische Mutter des Jesus von Nazareth.
Gott segne unser weiters Nachdenken!
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus.               
Amen.
Selig werden mich preisen alle Geschlechter“ (Lukas 1,48) 


– Ein evangelischer Pfarrer und Maria

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.                                                
Amen.