500 Jahre Martin Luther und die Reformation
6. Predigt – Seine Werke, bzw. Luther als Schriftsteller
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
 
Liebe Gemeinde!
500 Jahre Martin Luther und die Reformation – heute die 6. Predigt – Luthers Werke, bzw. Luther als Schriftsteller.
Vor über 35 Jahren hat der katholische Lutherforscher Otto Hermann Pesch in seinem Buch „Hinführung zu Luther“ folgendes gesagt: „Neben der Heiligen Schrift ist kein Schrifttum so sehr nach allen Richtungen erforscht worden, wie das Werk Luthers“ (4. Auflage 2017, S. 29) und das gilt auch noch heute.
Bevor wir uns aber diesen Werken zuwenden, möchte ich Luther selber sprechen lassen, was er von seinen Büchern hält. Im Vorwort zum 1. Band der Wittenberger Ausgabe seiner deutschen Schriften heißt es: „Gern hätte ichs gesehen, daß meine Bücher allesamt unterblieben und untergegangen wären.“ (Martin Luther: Vorrede zu Band I der deutschen Schriften der Wittenberger Luther-Ausgabe, 1539; in: Luther Deutsch: Bd. 1, S. 13). Und warum das? Damit die Leute nicht vom Lesen der Bibel abgehalten werden. Darum hat er sie ja übersetzt, darum lässt er sie ja drucken und unter die Leute bringen, darum ist er Professor für biblische Theologie.
Ein andermal äußert sich Luther inhaltlich über seine Bücher; und zwar auf dem Reichstag zu Worms im Jahre 1521 (18. April). Man hatte ihm seine Bücher vorgelegt und ihn aufgefordert zu widerrufen, sich von seinen Äußerungen zu distanzieren. Darauf bat er um einen Tag Bedenkzeit und hielt dann diese Verteidigungsrede (in Auszügen):
 
„ … Allergnädigster Kaiser, durchlauchtigste Fürsten! Mir waren gestern durch Eure allergnädigste Majestät zwei Fragen vorgelegt worden, nämlich ob ich die genannten, unter meinem Namen veröffentlichten Bücher als meine Bücher anerkennen wollte, und ob ich dabei bleiben wollte, sie zu verteidigen, oder bereit sei, sie zu widerrufen. Zu dem ersten Punkt habe ich sofort eine unverhohlene Antwort gegeben, zu der ich noch stehe und in Ewigkeit stehen werde: Es sind meine Bücher, die ich selbst unter meinem Namen veröffentlicht habe, vorausgesetzt, daß die Tücke meiner Feinde oder eine unzeitige Klugheit darin nicht etwa nachträglich etwas geändert oder fälschlich gestrichen hat. Denn ich erkenne schlechterdings nur das an, was allein mein eigen und von mir allein geschrieben ist, aber keine weisen Auslegungen von anderer Seite.
Hinsichtlich der zweiten Frage bitte ich aber Euer allergnädigste Majestät und fürstliche Gnaden dies beachten zu wollen, daß meine Bücher nicht alle den gleichen Charakter tragen.
Die erste Gruppe umfasst die Schriften, in denen ich über den rechten Glauben und rechtes Leben so schlicht und evangelisch gehandelt habe, daß sogar meine Gegner zugeben müssen, sie seien nützlich, ungefährlich und durchaus lesenswert für einen Christen. Ja, auch die Bulle (des Papstes) erklärt ihrer wilden Gegnerschaft zum Trotz einige meiner Bücher für unschädlich, obschon sie sie dann in einem abenteuerlichen Urteil dennoch verdammt. Wollte ich also anfangen, diese Bücher zu widerrufen - wohin, frag ich, sollte das führen? Ich wäre dann der einzige Sterbliche, der eine Wahrheit verdammte, die Freund und Feind gleichermaßen bekennen, der einzige, der sich gegen das einmütige Bekenntnis aller Welt stellen würde!
Die zweite Gruppe greift das Papsttum und die Taten seiner Anhänger an, weil ihre Lehren und ihr schlechtes Beispiel die ganze Christenheit sowohl geistlich wie leiblich verstört hat. Das kann niemand leugnen oder übersehen wollen. Denn jedermann macht die Erfahrung, und die allgemeine Unzufriedenheit kann es bezeugen, dass päpstliche Gesetze und Menschenlehren die Gewissen der Gläubigen aufs jämmerlichste verstrickt, beschwert und gequält haben, dass aber die unglaubliche Tyrannei auch Hab und Gut verschlungen hat und fort und fort auf empörende Weise weiter verschlingt, ganz besonders in unserer hochberühmten deutschen Nation. Und doch sehen sie in ihren Dekreten selbst vor …: Päpstliche Gesetze, die der Lehre des Evangeliums und den Sätzen des Evangeliums und den Sätzen der Kirchenväter widersprächen, seien für irrig und ungültig anzusehen. Wollte ich also diese Bücher widerrufen, so würde ich die Tyrannei damit geradezu kräftigen und stützen, ich würde dieser Gottlosigkeit für ihr Zerstörungswerk nicht mehr ein kleines Fenster, sondern Tür und Tor auftun, weiter und bequemer, als sie es bisher je vermocht hat. So würde mein Widerruf ihrer grenzenlosen, schamlosen Bosheit zugutekommen, und ihre Herrschaft würde das arme Volk noch unerträglicher bedrücken, und nun erst recht gesichert und gegründet sein, und das umso mehr, als man prahlen wird, ich hätte das auf Wunsch Eurer allergnädigsten Majestät getan und des ganzen Römischen Reiches. Guter Gott, wie würde ich da aller Bosheit und Tyrannei zur Deckung dienen!
Die dritte Gruppe sind die Bücher, die ich gegen einige sozusagen für sich stehende Einzelpersonen geschrieben habe, die den Versuch machten, die römische Tyrannei zu schützen und das Christentum, wie ich es lehre, zu erschüttern. Ich bekenne, dass ich gegen diese Leute heftiger vorgegangen bin, als in Sachen des Glaubens und bei meinem Stande schicklich war. Denn ich mache mich nicht zu einem Heiligen und trete hier nicht für meinen Lebenswandel ein, sondern für die Lehre Christi. Trotzdem wäre mein Widerruf auch für diese Bücher nicht statthaft; denn er würde wieder die Folge haben, dass sich die gottlose Tyrannei auf mich berufen könnte und das Volk so grausamer beherrschen und misshandeln würde denn je zuvor.
Aber ich bin ein Mensch und nicht Gott. … Darum bitte ich um der göttlichen Barmherzigkeit willen, Eure allergnädigste Majestät, durchlauchtigste fürstliche Gnaden oder wer es sonst vermag, er sei höchsten oder niedersten Standes, möchte mir Beweise vorlegen, mich des Irrtums überführen und mich durch das Zeugnis der prophetischen oder evangelischen Schriften überwinden. Ich werde völlig bereit sein, jeden Irrtum, den man mir nachweisen wird, zu widerrufen, ja, werde der erste sein, der meine Schriften ins Feuer wirft.
 Weil denn Eure allergnädigste Majestät und fürstlichen Gnaden eine einfache Antwort verlangen, will ich sie ohne Spitzfindigkeiten und unverfänglich erteilen, nämlich so: Wenn ich nicht mit Zeugnissen der Schrift oder mit offenbaren Vernunftgründen besiegt werde, so bleibe ich von den Schriftstellen besiegt, die ich angeführt habe, und mein Gewissen bleibt gefangen in Gottes Wort. Denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es offenkundig ist, daß sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben. Widerrufen kann und will ich nichts, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen sein Gewissen zu tun. Gott helfe mir, Amen.“
(http://gutenberg.spiegel.de/buch/martin-luther-sonstige-texte-270/5)
 
Liebe Gemeinde!
„Gott helfe mir, Amen.“ Und nicht „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Nicht ich, also Luther, sondern Gott steht an erster Stelle. Und nur Gott kann helfen, in Glaubens-, wie in Lebensfragen. Luther ist ein Prediger, ein Verkünder des Wortes Gottes. Darin ist er immer Schüler des Wortes Gottes, immer einer, der unter dem Wort Gottes steht und nicht darüber. Er ist Empfangender der weitergibt. Gleichzeitig ist Luther aber auch ein Lehrer, ein Professor der Theologie, besonders der Biblischen Theologie, und darum die vielen Bücher.
Was sind das aber nun für Bücher und Schriften? Man kann sie, um den Überblick zu behalten, in elf Gruppen einteilen:


- da wäre zuerst die Bibel, ins Deutsche übersetzt und mit
verschiedenen Vorreden, Vorworten versehen;
- dann kommen die Briefe, ungefähr 2.600 sind überliefert;
- weiter gibt es Dichtung: Lieder, Fabeln, Sprichwörter;
- 50 Disputationen (Thesenreihen für akademische
Diskussionsveranstaltungen);
- Erbauungsschriften, sie dienen der Seelsorge und der Lehre;
- die Katechismen und Auslegungen der Hauptstücke;
- Predigten, ca. 2000 sind überliefert (ca. 3000 hat er gehalten);
- Programmschriften: das sind die berühmten Schriften (95 Thesen;
An den christlichen Adel deutscher Nation; Von der babylonischen
Gefangenschaft der Kirche; Von der Freiheit eines
Christenmenschen; Von der weltlichen Obrigkeit; und Schriften zur
Neugestaltung der Kirche);

- Streitschriften:

1.    Auseinandersetzung mit der alten Lehre und dem Papsttum,

2.    Auseinandersetzung mit Gegnern im reformatorischen Lager;

3.    Auseinandersetzungen mit Bauern, Juden, Türken;

- Tischreden (Mit- und Nachschriften der Unterhaltungen);
- Vorlesungen: über biblische Bücher des AT´s und des NT`s.
(vgl. Albrecht Beutel, Hg.: Luther Handbuch, Tübingen 3. Auglage 2017, S. 298-398)
 
Andere Lutherforscher haben dies noch weiter differenziert. Sie finden 23 verschieden Gattungen in Luthers Schriften. (vgl. Bernhard Lohse: Martin Luther – Eine Einführung in sein Leben und sein Werk, München, 2. Auflage 1982, S. 113-119)
Liebe Gemeinde!
Diese Unmenge an Schriften wird seit 1883 wissenschaftlich aufgearbeitet durch die sogenannte „Weimaraner Ausgabe“ der Schriften Luthers. Das sind inzwischen über 120 Bände mit den Schriften Luthers, dazu Erklärungen, Kommentaren, Register; auf über 80.000 Seiten. Da haben nur noch Spezialisten einen Überblick.
Für unsere Kirche, für die Pfarrer und Pfarrerinnen, aber auch für die Gemeinde gibt es mehrere Auswahl-Ausgaben, die ich Ihnen nun vorstellen möchte.
- zuerst (mehr für Pfarrerinnen und Pfarrer)
- Martin Luther: Lateinisch – Deutsche Studienausgabe (3 Bde.)
32 lateinische Schriften mit deutscher Übersetzung;
- Martin Luther: Deutsch – Deutsche Studienausgabe (3 Bde.)
49 frühhochdeutsche Schriften mit Übertragung in unser Deutsch;
- Martin Luther: Schriften (4 Bde., hg. von Thomas Kaufmann)
40 Schriften in vereinfachtem frühhochdeutsch oder in einer
Übersetzung aus dem Lateinischen (eher für Theologen);
- Luther Deutsch (12 Bde. mit Registerband und Lutherlexikon, hg.
von Kurt Aland, auch als CD-Rom)
110 Schriften, 72 Predigten, 39 Liedtexte, 350 Briefe, 823 Zitate aus
den Tischreden, alle in heutigem Deutsch (für die Gemeinde);
- Martin Luther: Ausgewählte Schriften (6 Bde., hg. von Karin
Bornkamm und Gerhard Ebeling)
58 Schriften und 183 Briefe in heutigem Deutsch (für die
Gemeinde);
- Luther lesen - Die zentralen Texte (1 Bd., hg. von Martin H. Jung)
29 Schriften, kurz, knapp, gut lesbar (für die Gemeinde);
- Martin Luther: Das große Lesebuch (1 Bd., hg. von Karl-Heinz
Gottert)
19 Schriften, gute Ergänzung zu „Luther lesen“ (für die Gemeinde).
 
Der evangelische Lutherforscher Bernhard Lohse kommentiert Luthers schriftstellerisches Arbeit folgendermaßen: „Es ist überraschend, dass Luther bei all seinem immensen literarischen Schaffen keinen schriftstellerischen Ehrgeiz gehabt hat.“ (Bernhard Lohse: Martin Luther – Eine Einführung in sein Leben und sein Werk, München, 2. Auflage 1982, S. 108)
Das hat zwei Gründe: Erstens hat Luther sich immer als Lehrer uns Seelsorger und nicht als Schriftsteller verstanden. Er hat mit seinen Büchern auch nie Geld verdient. Für diese Arbeit bekam er keinen weltlichen Lohn. Die Buchdrucker verdienten an ihm. Zweitens hat Luther sich auch nie hingesetzt nach dem Motto: „Ich schreib jetzt mal ein Buch“. Luthers Schriften sind Antworten. Da gab es ein Problem, eine Frage, eine Auseinandersetzung – und er hat reagiert. Das sind seine Streit- und Programmschriften. Bibel, Katechismen, Erbauungsbücher, Vorlesungen, Predigten und zum Teil die Briefe, das gehörte alles zu seinem Beruf als Professor, Prediger und Seelsorger. Luther wollte, „dass seine Schriften ganz hinter der Bibel als dem Gotteswort zurücktreten.“ (Bernhard Lohse: Martin Luther – Eine Einführung in sein Leben und sein Werk, München, 2. Auflage 1982, S. 108)


Liebe Gemeinde!

Schließen möchte ich mit Aussagen Luthers zum Beruf des Schriftstellers. Wir finden sie in den Mitschriften der Tischreden:

Luther beklagte einmal die Menge der Bücher und Schriftsteller, weil uns ein unendliches Meer von Büchern bevorstehe. Denn jeder beliebige schreibe seiner Anmaßung entsprechend ein Buch, andere förderten solch Übel um der Gewinnsucht willen. Und so wird die Bibel durch eine Fülle von Kommentaren begraben und der Text darüber vernachlässigt. Dabei wären in jeder Fakultät gerade diejenigen die besten, die sich an den Text hielten. Als ich jung war, gewöhnte ich mich an die Bibel; ich las sie oft und machte sie mir genau vertraut. Danach erst las ich auch die Schriftsteller. Aber ich mußte sie zuletzt alle beiseitelassen und mich mit der Bibel abquälen. Denn es ist viel besser, mit eigenen als mit fremden Augen zu sehen. Deshalb möchte ich auch wünschen, daß all meine Bücher um des schlechten Beispiels willen begraben wären. Denn sonst will mir ein jeder nachfolgen. Sie wollen dadurch berühmt werden, gleichsam als wäre Christus um unseres eitlen Ruhmes willen gestorben und nicht, daß allein sein Name geheiligt würde.“

(Luther Deutsch: Bd. 9, S. 15)

Am 6. Mai sagte er von der menschlichen Anmaßung: … Die Soldaten jagen dem Siege nach, und die Schriftsteller suchen durch Herausgabe ihrer Bände einen ewigen Namen, wie wir es jetzt auch vor Augen sehen. Aber dabei wird der Ruhm und die Ewigkeit Gottes nicht angesehen. Ach, wir sind elende Leute.“

(Luther Deutsch: Bd. 9, S. 75)

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Die nächste Luther-Predigt ist am 4. Juni (Pfingstsonntag) in der Gnadenkirche zu Neuenkirchen zu hören. Dann geht es um die sogenannten „Unterscheidungslehren“ Luthers.