7. Predigt - Luthers Unterscheidungslehren

500 Jahre Martin Luther und die Reformation
7. Predigt – Luthers Unterscheidungslehren

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.                                                          

Amen.

 
Liebe Gemeinde!



500 Jahre Martin Luther und die Reformation – heute die 7. Predigt – Luthers Unterscheidungslehren.
Wer Luther oberflächlich liest ist of schnell mit einem Urteil, ja einer Verurteilung bei der Hand: einseitig, holzschnittartig, grob und verletzend – das sei der Stil Luthers. Da ist sicherlich auch einiges an Wahrheit dran; in seinen Tischreden und Briefen sowieso. Aber auch Luthers theologisches Denken „ist von früh an durch schroffe Antithetik geprägt“. Er hat eine „Vorliebe für pardoxale Denk- und Aussageformen“ und hält dies für „die sachnotwendige Denk- und Sprachform der Theologie“ (Luther Handbuch, 4. Aufl., S. 499) So muss man als Theologe denken, reden und schreiben, meint Luther.
Unterschiede zu benennen, zu bewerten und sich dann auf die Seite des als richtig und wahr erkannten zu stellen, oder, was noch schwerer ist, eine tragfähige Synthese zu schaffen, das ist Luthers Absicht. Theologie entsteht durch rechtes unterscheiden, abwägen und neu aussagen. Und damit dies auch allen wirklich klar und einleuchtend wird, muss das auch deutlich gesagt werden, bis hin zu einseitigen, holzschnittartigen, groben und verletzenden Aussagen.



In seiner Schrift „Vom unfreien Willen“ aus dem Jahre 1525 sagt Luther folgendes: „Wenn nicht alles antithetisch gesagt würde, was von Christus und der Gnade gesagt wird, so daß es dem Gegenteil gegenüber gestellt wird – das bedeutet, daß außerhalb von Christus nichts außer dem Satan ist, außerhalb der Gnade nichts außer Zorn, außerhalb des Lichtes nichts außer Finsternis, außerhalb des Weges nichts außer Irrtum, außerhalb der Wahrheit nichts außer Lüge, außerhalb des Lebens nichts außer Tod – was, frage ich, würden dann alle Reden der Apostel und die ganze Schrift erreichen? Umsonst würde natürlich alles gesagt werden, da es nicht nötigte Christus für notwendig zu halten … Wähle also, was von beidem du willst!“ (Luther Deutsch, Bd. 3, S. 321)
Unterscheiden, wählen und selber entscheiden. Genau das macht uns als evangelische Christen das Glauben und Leben so schwer! Wir müssen unterscheiden, wählen, uns entscheiden, bzw. einen tragfähigen Kompromiss suchen und finden. Eine Autorität die uns sagt: „Glaube das und das – und alles ist in Ordnung!“ haben wir nicht, und wollen wir auch nicht haben.
Der Mensch, der so evangelisch glaubt und denkt, steht dabei dann immer vor drei Instanzen, die ihn beurteilen: 1. vor Gott, 2. vor der Welt und ihren Menschen und 3. vor seinem eigenen Gewissen. Also müssen auch wir das richtige unterscheiden lernen, damit wir richtig glauben können. Das ist ein schwieriger Weg, aber es ist der evangelische Weg, es ist der Denkweg Luthers.
Der Lutherforscher Gerhard Ebeling schrieb schon 1964 über diesen Weg: „Er scheint mir durch die Beobachtung gewiesen zu sein, daß Luthers Denken sich durchweg in antithetischer Spannung, in sehr verschiedenartiger, aber doch zueinander in Beziehung stehenden Polaritäten vollzieht.“ (Luther – Einführung in sein Denken, 4. Aufl. 1981, S. 16) Und an anderer Stelle: „Luther wusste sich bestimmt von dem Widerstreit von Alt und Neu … Dieser Widerstreit – auf äußerste zugespitzt in der paradoxen Formel: simul iustus – simul peccator, „Gerechter und Sünder zugleich“ – stellt die fundamentale Signatur von Luthers Denken dar.“ (Luther – Einführung in sein Denken, 4. Aufl. 1981, S. 14f.)


Entsprechen gliedert er sein Luther-Buch durch neun Gegensatzpaare:
Philosophie                         –       Theologie
Buchstabe                           –       Glaube
Gesetz                                  –       Evangelium
Person                                  –       Werk
Glaube                                  –       Liebe
Reich Christi                       –       Reich der Welt
Christperson                       –       Weltperson
Freiheit                                 –       Unfreiheit
verborgener Gott                –       offenbarer Gott.
 
Andere Theologen kommen noch auf weitere Gegensatzpaare:
innerlich                              –       äußerlich
geistlich                               –       leiblich
Gott                                      –       Kirche
Glaube                                  –       Gesetz
bürgerliches Gesetz           –       geistliches Gesetz
Geist                                     –       Buchstabe
Gnade                                   –       Glaube
Gebot                                    –       Verheißung  usw. usw.



Das ist die große Kunst der Unterscheidung. Das kennzeichnet eine lebendige Theologie, einen lebendigen, denkenden Glauben. Zu unterscheiden und dabei doch die gegenseitigen Abhängigkeiten zu erkennen und anzuerkennen ist glaubensnotwendig.
Die wohl bedeutendste Unterscheidung bei Luther ist die zwischen Gesetz und Evangelium, die jetzt näher betrachtet werden soll. Evangelium und Gesetz sind heutigen Menschen als religiöse Einzelbegriffe und im Zusammenhang kaum mehr verständlich. Das  Gesetz wir zumeist juristisch verstanden oder als Bedrohung, z. B.  das Gesetz der Scharia, gefürchtet. Auch das „Gewissen“ spielt fast keine Rolle mehr. Leuchtet das Evangelium heute vielleicht auch deshalb nicht mehr so stark, weil das Gesetz in unserem Glaubensleben fehlt?
Für Luther aber liegt hier die Mitte der christlichen Lehre. Er schreibt: „Das … , was zum ewigen Heil führt, das sind nach meiner Meinung die Worte und Werke Gottes, die dem menschlichen Willen angeboten werden, damit er sich zu ihnen hinwenden oder von ihnen abwenden kann. Gottes Worte aber nenne ich das Gesetz und das Evangelium; das Gesetz schreibt uns vor, was wir zu tun haben, das Evangelium fordert den Glauben. Denn etwas anderes gibt es nicht, um uns zur Gnade Gottes und zum ewigen Heil zu führen, als das Wort und Werk Gottes“. (Luther Deutsch, Bd. 3, S. 229)
Kommen wir zuerst zum Gesetz. Die ganze Bibel enthält Gebote und Gesetze. Die fünf Bücher Mose heißen auf hebräisch „Thora“, übersetzt „Weisung“ oder eben „Gesetz“. Das Judentum zählt insgesamt 613 Ge- und Verbote. Auch das Neue Testament enthält Gesetz, z. B. in der Bergpredigt und in den Briefen. Sinn des Gesetzes ist es, den Menschen bei ihrer Lebensführung zu helfen. Den Heiden ist sogar ins Herz geschrieben, was das Gesetz Gottes fordert (Röm 2,14+15). Im Naturrecht, in den 10 Geboten, im Doppelgebot der Liebe und in der Goldene Regel finden wir das Gesetz, den Willen Gottes. Aber können wir es erfüllen?
Das Gesetz hat zwei Seiten: einmal sind da die Regeln, die alle zwischenmenschlichen Bereiche in Politik, Wirtschaft und Privatleben regeln. Dieses Gesetz kommt in allen Völkern und Kulturen vor und ist grundsätzlich erfüllbar, auch wenn wir es oft nicht wollen. So kann man irdisch Leben. Das ist aber nicht „die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“, die Paulus im Römerbrief fordert. (Röm 1,17)
Die andere Seite ist das religiöse, das geistliche Gesetz. In Glaubensfragen ist dieses Gesetz entscheidend. Doch dieses Gesetz führt nicht zum Heil. Es macht vielmehr deutlich, dass auch die besten moralischen Leistungen nicht zum Heil führen. Dieses Gesetz macht deutlich, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt, dass wir Sünder sind. Dieses Gesetz klagt an, das Gewissen wird belastet, der Mensch erfährt einen ethischen Schock. Dieses Gesetz ist aber der nötige Wegbereiter zur Gnade Gottes. Paulus schreibt im Galaterbrief: „So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden.“ (Gal 3,24) Dieses Gesetz lässt den Menschen scheitern, es ist von uns nicht erfüllbar.
Dazu noch einmal Paulus im Römerbrief: „Wir wissen aber: was das Gesetz sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind, damit allen der Mund gestopft werde und alle Welt vor Gott schuldig sei, weil kein Mensch durch die Werke des Gesetzes vor ihm gerecht sein kann. Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.“ (Röm 3,19+20)
Das Gesetz ist der Wegbereiter der Gnade. Genau das ist die Aufgabe des Gesetzes, das ist sogar das Gute an dem Gesetz: Es zeigt uns, dass wir Sünder sind. So kann Paulus sogar schreiben: „So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.“ (Röm 7,12) Darum muss das Gesetz bleiben. Es enthält zwar keine Lösung und erst recht keine Erlösung, aber es weist uns hin auf Christus und das Evangelium, zu dem wir jetzt kommen.
Das Evangelium ist das neue Wort Gottes, das in Jesus Christus ergangen ist. „Während das Gesetz die Tat und den Gehorsam des Menschen fordert, enthält das Evangelium die Tat Gottes für den Menschen.“ (Leiner: Luthers Theologie, S. 59) Während das Gesetz den Menschen richtet, bringt das Evangelium die Rettung des Sünders. Das Gesetz tötet, das Evangelium macht lebendig, durch Jesus Christi Worte und Werke. Während das Gesetz fordert, ist das Evangelium Geschenk, Angebot, Gnade – die man nur im Glauben annehmen kann.
Wenn Gesetz und Evangelium so unterschiedliche Aufgaben haben, wie verhalten sie sich dann zueinander? In der Geschichte haben sich vier unterschiedliche Antworten herausgebildet:
1. Das Evangelium wird als neues Gesetz verstanden, man sieht in Jesus den neuen Mose. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es: „Das neue Gesetz, das Gesetz des Evangeliums, ist die vollendete irdische Gestalt des natürlichen und geoffenbarten göttlichen Gesetzes. Es ist das Werk Christi  (Nr 1965) Das neue Gesetz ist die Gnade des Heiligen Geistes  (Nr. 1966) Das Gesetz des Evangeliums erfüllt", verfeinert, überragt und vervollkommnet das alte Gesetz. (Nr. 1967)
2. Schon das Gesetz ist Evangelium, das ist die Antwort des Judentums. Das Gesetz ist die eigentliche und ausreichende Heilsgabe Gottes für die Menschen.
3. Es gibt einen Weg, eine natürliche Reihenfolge vom Gesetz zum Evangelium. Darum kann man nun auf das Gesetz ganz verzichten. Diese Antwort gab der ehemalige Schüler Luthers Johannes Agricola. Luther konnte dieser Antwort nicht zustimmen und es entstand ein langwieriger Streit mit diesen Gesetzesgegnern (Antinomer). In einer Tischrede aus dem Jahre 1537 heißt es kurz und bündig: „Wer das Gesetz aufhebt, der hebt auch das Evangelium auf.“ Damit kommen wir zur Antwort Nummer
4. zu Luther. Er ist der Meinung, dass durch den Wegfall des Gesetzes, der Mensch bald nichts mehr von der Sünde weiß und darum meinen könnte, auch Christus nicht zu benötigen. Und so sagt er: „Wer das Gesetz wegtut, der muß die Sünde auch mit wegtun. Will er die Sünde stehen lassen, so muß er das Gesetz viel mehr stehen lassen. … Ist keine Sünde da, so ist Christus nichts. … das Gesetz ist in des Herzens Grund geschrieben, das ist nicht möglich wegzunehmen … darum muß doch das Gesetz gepredigt werden, wo man Christus predigen will …“ (Luther Deutsch, Bd. 4, S. 222-228)
 
Liebe Gemeinde!
Gesetz und Evangelium, „beide sind Gottes Wort, beide sind von der Kirche zu predigen und von den Christen zu hören und zu beherzigen. Sie dürfen nicht getrennt werden, sondern müssen aufeinander bezogen werden in ihrer Gegensätzlichkeit.“ (Leiner: Luthers Theologie, S. 64) Gesetz und Evangelium sind beide zum Heil notwendig. Darum findet sich beides auch in beiden Testamenten der Bibel.
Und darum müssen wir lernen zu unterscheiden. Aber nicht um dann eines zu verwerfen, sondern um Gesetz und Evangelium richtig aufeinander zu beziehen. Zwar leben wir als glaubende und getaufte Christen in der Gnade des Evangeliums, genauso gilt uns als den Sündern, die wir alle sind, aber auch die Warnung und Drohung des Gesetzes.
Ich habe vorhin gefragt: Leuchtet das Evangelium heute vielleicht auch deshalb nicht mehr so stark, weil das Gesetz in unserem Glaubensleben fehlt? Bei uns wird fast immer nur vom lieben Gott gesprochen, der uns vergibt. Der Zornige, die Sünde hassende Gott, der den Sünder strafende Gott kommt nicht vor. Und das ist ein Fehler.
Ich fasse zusammen: Das Gesetz klagt an, macht bewusst, deckt auf, das Evangelium rettet. Gesetz und Evangelium sind also beide nötig. Das Evangelium schafft Freiheit, das Gesetz zu halten. Nur wenn ich das Gesetz kenne, nur dann finde ich auch das Evangelium. Wer meint (wie die katholische Lehre), das Gesetz sei zwar schwer zu erfüllen, aber mit der Hilfe der Gnade Gottes klappt es schon irgendwie, macht das Evangelium letztlich überflüssig. Andererseits darf das Evangelium auch nicht zum (neuen) Gesetz werden.

„Und das ist auch bestimmt wahr: wo diese zwei Lehren, nämlich Gesetz und Evangelium, hell und klar und in rechtem Verständnis bleiben, da leuchten Sonne und Mond, die zwei großen Lichter, die Gott geschaffen hat, den Tag und die Nacht zu regieren, da kann man Licht und Finsternis unterscheiden. Das Evangelium von Christus ist die Sonne, das Gesetz ist der Mond. Der Mond sieht verfallen aus, wenn er die Sonne nicht hat. Wenn das Evangelium nicht dabei ist, so ist das Gesetz scheußlich und schrecklich. Wenn aber die Sonne in den Mond scheint, so hat der Mond ein helles, weißes Licht. Der Mond regiert die Nacht, die Sonne regiert den Tag: das Gesetz dient zu diesem zeitlichen Leben, das Evangelium dient zum ewigen Leben. Solange diese zwei Lichter leuchten, kann man Tag und Nacht, Licht und Finsternis, in ihrem Unterschied erkennen. Wenn aber diese zwei Lichter hinweg sind, so ist da eitel Nacht und lauter Blindheit und Finsternis, Amen.“ (Luther Deutsch, Bd. 8, S. 383)

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus.         

Amen.

 

Die nächste Luther-Predigt ist zu hören am 23. Juli in Wettringen. Der Titel wird sein: „Luther und die Bibel“.