500 Jahre Martin Luther und die Reformation

8. Predigt – Die Bibel

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.


Liebe Gemeinde!

500 Jahre Martin Luther und die Reformation – heute die 8. Predigt – Luther und die Bibel.

Wir haben es schon mehrmals gehört: Luther hätte es gerne gesehen, dass all seine Schriften untergingen, damit jeder Christ endlich wieder die Bibel läse. Und ganz ehrlich: Wie viele Bücher, Zeitungen und Zeitschriften haben wir schon gelesen? – und wie oft die Bibel? Nachdem Luther die Bibel für sich entdeckt hatte, drehte sich für ihn alles um sie. Alle seine eigenen Werke sind letztlich Ergebnis seiner Bibellektüre. Die Bibel ist ihm die Quelle aller weiteren Überlegungen zu Glaube, Kirche und Lebensführung.

„Die Bibel wurde für Luther das Lebensbuch in einem mehrfachen Sinne. Sie wurde für ihn das Buch,

- das ihn – einmal entdeckt – sein ganzes Leben begleitete;

- das für ihn die Aufgabe seines Lebens wurde, das er zu lehren, zu predigen uns auszulegen hatte;

- das ihn herausforderte, mit dem er rang, das ihn quälte und unter dem er litt, das ihn Tag und Nacht beschäftigte mit seinen unerbittlichen Forderungen und herrlichen Verheißungen;

- das für ihn im eigentlichen und ganz persönlichen Sinn das Buch des Lebens wurde, weil es ihm mit seiner froh und frei machenden Botschaft das wahre Leben eröffnete und vermittelte, das Buch, das ihn zum Leben führte. (Leiner: Luthers Theologie, S. 68)

Als Kind – so erstaunlich uns das erscheint – wuchs Luther ohne Bibel auf, denn kaum jemand konnte sie sich leisten. Nur im Gottesdienst hörte er die ausgewählten Abschnitte der Lesungen und in den Kirchenfenstern sah er biblische Geschichten dargestellt.

Auch im Studium der freien Künste und dann im Jurastudium spielte die Bibel keine Rolle. In der Bibliothek entdeckte er erstmalig in seinem Leben eine vollständige Bibel, aber „an die Kette gelegt“, im wörtlichen Sinn, damit das kostbare Buch nicht gestohlen werden konnte. Erst seit dem Eintritt ins Kloster hatte er freien Zugang zum Buch der Bücher, das er sich nun intensiv erarbeitete.

Erstaunlicherweise brachte ihn das Theologiestudium der Bibel nicht näher. Denn dieses Studium bestand damals nicht darin, die Bibel zu studieren, sondern man beschäftigte sich mit der Philosophie des Aristoteles und mit der sogenannten scholastischen Theologie. Die Bibel kam dabei kaum vor.

Erst als Luther 1511 dazu bestimmt wurde, die Nachfolge von Johannes von Staupitz als Professor für Bibelwissenschaft in Wittenberg anzutreten, lässt er sich 1512 zum Doktor der Theologie promovieren und übernimmt dessen Aufgabe – die Bibel auszulegen. Damit hatte Luther seine Lebensaufgabe gefunden. Bis zu seinem Tod war dies auch seine berufliche und wirtschaftliche Grundlage.

Doch durch das nun beginnende intensive Bibelstudium geriet er zunächst erst recht in eine tiefe Sinn- und Glaubenskrise. Nach alter Lehre geschult, brachten biblische Formulierungen wie „Gerechtigkeit Gottes“, „Gericht Gottes“ und „Werk Gottes“ ihn zum Verzweifeln. Denn man verstand damals diese Ausdrücke als Forderungen an die Menschen, Gottes Gerechtigkeit, Werk und Gericht zu erfüllen. – Das war und ist aber keinem Menschen möglich. Bis Luther schließlich ein Durchbruch gelang und er diese Worte als Zusage Gottes an und für die Menschen verstand. Gott schenkt und seine Gerechtigkeit, Gott erfüllt seine Werke selber und schenkt uns ein gnädiges Gericht.

Der innere Kampf Luthers um einen gnädigen Gott führte ihn durch intensives Bibelstudium zu einem Neuverständnis der ganzen Bibel und damit zu einem Neuverständnis von persönlichem Glauben und kirchlicher Theologie. Gottes Gerechtigkeit macht, das wir gerettet werden. Das ist die sogenannte lutherische Lehre von der „Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnaden“. Diese Rechtfertigungslehre lässt die ganze Bibel in einem neuen Licht erscheinen. Nun ist die Bibel wirklich sein Lebensbuch, sie wird ihm zum Evangelium, zur guten Botschaft der göttlichen Rettungstat an dem sonst verlorenen Menschen.

Diese neue Erkenntnis bestimmt von nun an Luthers Leben und seine Lehre. In allen nun folgenden theologischen und kirchenpolitischen Auseinandersetzungen ist ihm die Bibel Grundlage und alleinige Richterin. Das beginnt mit den 95 Thesen von 1517 geht weiter zum Beispiel im Bekenntnis vor dem Reichstag zu Worms 1521 „Wenn ich nicht mit Zeugnissen der Schrift … besiegt werde, so bleibe ich von den Schriftstellen besiegt, die ich angeführt habe“ (http://gutenberg.spiegel.de/buch/martin-luther-sonstige-texte-270/5) und zieht sich durch alle seine Schriften, Vorlesungen, Briefe und Predigten bis zu seinem Tode und seiner letzten handschriftlichen Hinterlassenschaft von 1546. „Die heilige Schrift meine niemand genug geschmeckt zu haben, wenn er nicht hundert Jahre mit den Propheten die Kirche regiert hat.“ (vgl. Luther Deutsch Bd. 10, S. 341)

Als Professor für biblische Theologie, als Prediger des Evangeliums von Jesus Christus, als Lehrer der Kirche, als Mensch, der am Leben seiner Zeit – privat und politisch – beteiligt und tätig ist, in allen Bereichen seines Lebens gibt es für ihn nur eine Grundlage und Autorität – die Bibel.

Und das sollte für alle Menschen gelten. Doch die haben dazu die Möglichkeit nicht, weil sie keine Bibel haben und die lateinische Bibel nicht verstehen können. Also muss den Menschen geholfen werden. Die Bibel muss ins Volk.

So beginnt er im Dezember 1521 auf der Wartburg damit, das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen. Dabei bedient er sich aller ihm damals zur Verfügung stehender Hilfsmittel: Wörterbücher, anderer Übersetzungen und dem gerade von Erasmus von Rotterdam veröffentlichten griechischem Neuen Testament. Denn bis dahin hatte man sich mit der lateinische Fassung, der Vulgata, in der Kirche begnügt.

Luthers Übersetzung ins Deutsche war nicht die erste, aber sie hatte den Vorteil, dass er „dem Volk aufs Maul schaute“. Ein Nachteil aus heutiger Sicht ist aber, dass er nicht wort-wörtlich übersetzte, sondern oft sinngemäß und im Sinne seiner Theologie. Ein Beispiel: In Römer 3, 28 ist in seiner Übersetzung zu lesen: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Allein durch den Glauben – eines der vier Kennzeichen der neuen Theologie. Aber das Wörtlein „allein“ hat Luther hineingemogelt. Wörtlich übersetzt muss es heißen: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch aus Glauben gerechtfertigt wird, ohne Werke des Gesetzes.“

Im September 1522 veröffentlichte Luther die Übersetzung des Neuen Testamentes – das Septembertestament. Mit dem Alten Testament tat er sich da schon schwerer. Die Mosebücher und die Geschichtsbücher gingen ihm zwar noch recht leicht von der Hand, aber bei den poetischen und prophetischen Texten tat er sich doch recht schwer. So berief er eine Arbeitsgemeinschaft ein, besonders er und Philipp Melanchthon, dazu abwechselnd andere, die sich wöchentlich trafen. Erst 1534 war es dann endlich soweit: die erste vollständige Lutherbibel erschien. Überarbeitungen folgten sein Leben lang – die letzte Ausgabe 1545.

Was heute kaum noch jemand weiß ist, dass Luther fast allen Büchern der Bibel sogenannte Vorreden vorangestellt hat. Darin erklärt er dem Leser, was ihn theologische erwartet. Zudem erklärt Luther in Anmerkungen zum laufenden Bibeltext Begriffe, Wendungen und Zusammenhänge.

Hier eine Übersicht aller Vorreden (vgl. CD-Rom „Die Luther-Bibel – Originalausgabe 1545“, Digitale Bibliothek Nr.29, Berlin 2000):


Vorrede auff das Alte Testament.

(besonders auf die Bücher Mose)


„DAs aber die jenigen / so es nicht besser wissen / ein anleitung vnd vnterricht haben / nützlich drinnen zu lesen / Habe ich diese Vorrede nach meinem vermügen / so viel mir Gott gegeben gestellet. … Auff das du die Göttliche weisheit finden mügest / … / und das er allen hohmut dempffe. …

So wisse nu / das dis Buch (das Alte Testament) ein Gesetzbuch ist / das da leret / was man thun vnd lassen sol. Vnd da neben anzeigt Exempel vnd Geschichte / wie solch Gesetze gehalten oder vbertretten sind. Gleich wie das newe Testament / ein Euangelium oder Gnadenbuch ist / vnd leret / wo mans nemen sol / das das Gesetz erfüllet werde. Aber gleich wie im newen Testament / neben der Gnadenlere / auch viel andere Lere gegeben werden / die da Gesetz vnd Gebot sind / das Fleisch zu regieren / sintemal in diesem leben der Geist nicht volkomen wird / noch eitel gnade regieren kan. Also sind auch im alten Testament / neben den Gesetzen / etliche Verheissung vnd Gnadensprüche da mit die heiligen Veter vnd Propheten vnter dem Gesetz im glauben Christi / wie wir / erhalten sind. Doch wie des newen Testaments eigentliche Heubtlere ist / gnade vnd friede durch vergebung der sünden in Christo verkündigen / Also ist des alten Testaments eigentliche Heubtlere / Gesetze leren vnd Sünde anzeigen / vnd guts foddern. Solches wisse im alten Testament zu warten.“


Vorrede vber das Buch Hiob.

Vorrede auff den Psalter.

Vorrede auff die Bücher Salomonis.

Vorrede auff die Propheten.

Vorrede auff den Propheten Jesaiam.

Vorrede vber den Propheten Jeremia.

Vorrede auff den Propheten Hesekiel.

Vorrede vber den Propheten Daniel

Vorrede vber den Propheten Hosea.

Vorrede auff den Propheten Joel.

Vorrede auff den Propheten Amos.

Vorrede auff den Propheten Obadja.

Vorrede auff den Propheten Jona.

Vorrede auf den Propheten Micha.

Vorrede auff den Propheten Nahum.

Vorrede auff den Propheten Habacuc.

Vorrede auff den Propheten Zephanja.

Vorrede auff den Propheten Haggai.

Vorrede auff den Propheten Sacharja.

Vorrede auff den Propheten Maleachi.


„Apocrypha: das sind Bücher:

so der heiligen Schrifft nicht gleich gehalten /

vnd doch nützlich vnd gut zu lesen sind.“


Vorrede auff das Buch Judith.

Vorrede auff die Weisheit Salomonis.

Vorrede auffs Buch Tobie.

Vorrede auff das Buch Jesu Syrach.

Vorrede auff den Baruch.

Vorrede auff das erste Buch Maccabeorum.

Vorrede auff das erste Buch Maccabeorum.

Vorrede auff die Stücke Esther und Daniel.


Vorrede auff das Newe Testament.

(besonders auf das Evangelium / die Evangelien)


Gleich wie das alte Testament ist ein Buch / darinnen Gottes gesetz vnd Gebot / da neben die Geschichte / beide dere / die die selbigen gehalten vnd nicht gehalten haben / geschrieben sind. Also ist das newe Testament ein Buch / darinnen das Euangelium vnd Gottes verheissung / da neben auch Geschichte / beide dere / die daran gleuben vnd nicht gleuben / geschrieben sind.

DEnn Euangelium ist ein Griechisch wort / vnd heisset auff Deudsch / gute Botschafft / gute Mehre / gute Newezeitung / gut Geschrey / dauon man singet / saget vnd frölich ist.

DAS meinet auch Christus / da er zur letze kein ander Gebot gab / denn die Liebe / Daran man erkennen solte / wer seine Jünger weren / vnd rechtschaffene gleubigen. Denn wo die werck vnd liebe nicht er aus bricht / da ist der glaube nicht recht / da hafftet das Euangelium noch nicht / vnd ist Christus nicht recht erkandt. Sihe / nu richte dich also / in die Bücher des newen Testaments das du sie auff diese zu lesen wissest.“

Vorrede auff der Apostel Geschichte.

Vorrede auff die Epistel S. Paul: an die Römer.


DJese Epistel ist das rechte Heubtstücke des newen Testaments / vnd das allerlauterste Euangelium / Welche wol widrig vnd werd ist / das sie ein Christen mensch nicht allein von wort zu wort auswendig wisse / Sondern teglich damit vmbgehe / als mit teglichem Brot der Seelen.“


Vorrede auff die erste Epistel: an die Corinther.

Vorrede auff die ander Epistel an die Corinther.

Vorrede auff die Epistel S. Pauli: an die Galater.

Vorrede auff die Epistel S. Pauli: an die Epheser.

Vorrede auff die Epistel S. Pauli: an die Philipper.

Vorrede auff die Epistel S. Pauli: an die Colosser.

Vorrede auff die erste Epistel S. Pauli: An die Thessalonicher.

Vorrede auff die ander Epistel S. Pauli: An die Thessalo.

Vorrede auff die erste Epistel S. Pauli: An Timotheum.

Vorrede auff die ander Epistel S. Pauli: An Timotheum.

Vorrede auff die Epistel S. Pauli: An Titum.

Vorrede auff die Epistel S. Pauli: An Philemon.

Vorrede auff die erste Epistel S. Peters.

Vorrede auff die ander Epistel S. Peters.

Vorrede auff die drey Episteln: S. Johannis.

Vorrede auff die Epistel: An die Ebreer.

Vorrede auff die Episteln S. Jacobi vnd Jude.


DJese Epistel S. Jacobi wiewol sie von den Alten verworffen ist / lobe ich / vnd halte sie doch fur gut / Darumb / das sie gar kein Menschenlere setzt / vnd Gottes gesetz hart treibet. Aber / das ich meine meinung drauff stelle / doch on jedermans nachteil / Achte ich sie fur keines Apostels schrifft / Vnd ist das meine vrsache.

Auch ist das der rechte Prüfestein alle Bücher zu taddeln / wenn man sihet / ob sie Christum treiben oder nicht / Sintemal alle schrifft Christum zeiget / Vnd S. Paulus nichts denn Christum wissen wil / Was Christum nicht leret / das ist noch nicht Apostolisch / wens gleich S. Petrus oder Paulus leret. Widerumb / was Christum prediget / das were Apostolisch / wens gleich Judas / Hannas / Pilatus / vnd Herodes thet.“


Vorrede auff die Offenbarung S. Johannis.


Im Jahr 1522 endete die Vorrede zum neuen Testament folgendermaßen:

„In Summa: das Evangelium des Johannes und sein erster Brief, die Briefe des Paulus, insbesondere der an die Römer, Galater, Epheser und der erste Brief des Petrus, das sind die Bücher, die dir Christus zeigen und dich alles lehren, was dir zu wissen not und selig ist, ob du schon kein ander Buch und Lehre nimmer sehest noch hörest. Darum ist der Jakobusbrief eine rechte stroherne Epistel gegen sie; da er doch keine evangelische Art an sich hat.“

(Luther-Werke Bd. 5, S. 42: Vorrede zum Neuen Testament, 1522.)


Diese Vorreden sind in ihrer Länge sehr unterschiedlich, von einer knappen halben Seite bis zu Abhandlungen von 20, 25 und mehr Seiten. Meine Überlegungen zu „Luther und die Bibel“ möchte ich mit einem Zitat aus der Schrift „Vom unfreien Willen“ von 1525 abschließen:

„Das allerdings gebe ich zu, daß viele Stellen in der Schrift dunkel und verworren sind, nicht um der Hoheit der Dinge sondern um unserer Unkenntnis der Worte und der Grammatik willen, die aber nicht die Erkenntnis aller Dinge in der Schrift hindern können. Denn was kann in der Schrift noch Erhabeneres verborgen sein, nachdem die Siegel aufgebrochen sind (Offb. 6, 1) und der Stein von der Grabestür gewälzt ist, jenes höchste Geheimnis verkündigt worden ist, daß Christus, der Sohn Gottes, Mensch geworden, daß Gott dreifältig und doch einer sei, daß Christus für uns gelitten hat und ewiglich regieren werde? Ist das nicht in aller Welt bekannt und verkündigt? Nimm Christus fort aus der Schrift, was wirst Du weiter in ihr finden?“

(Luther-Werke Bd. 3, S. 141: Vom unfreien Willen, 1525.)


 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.