500 Jahre Martin Luther und die Reformation
1. Predigt (04.12.2016): 
Der Anlass – 500 Jahre Reformation und Luthers theologische Biographie    

                          
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Amen.

 

Liebe Gemeinde!
500 Jahre Martin Luther und die Reformation, heute die 1. Predigt: Der Anlass – 500 Jahre Reformation und Luthers theologische Biographie. 
Ja, was ist denn eigentlich der Anlass, was feiern wir da eigentlich am 31. Oktober 2017 und in den Monaten davor und danach? Haben wir denn einen guten Grund da zu feiern? Und wer feiert da eigentlich? Zurückblickend erinnere ich mich an zwei ähnliche Jubiläen: 1983 der 500. Geburtstag (10.11.1483) und 1996 der 450. Todestag (18.02.1546) Martin Luthers. Da ging es ganz besonders um die Person des wohl wichtigsten Reformators.
Doch jetzt steht ein anderes Datum im Mittelpunkt, über das man übrigens prächtig streiten kann, der 31. Oktober 1517 nämlich. Martin Luther schlug an diesem Tag die 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg, um zu einer wissenschaftlichen Diskussion einzuladen, so jedenfalls die Legende. Und mit diesem Datum beginnt, so das landläufige Verständnis, die Reformation. Doch, das muss ich gleich zu Beginn sagen, das ist ein Irrtum. Reformation hat es vor, neben und nach diesem Ereignis, und vor, neben und nach Martin Luther gegeben. Doch dazu später.
Und dennoch hat sich gerade der 31. Oktober in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Das war auch in den Jahrhunderten vor uns schon so, gerade bei den 100-Jahr-Feiern, obwohl die in erster Linie von den Lutherischen Kirchen alleine begangen wurden. 1617, kurz vor dem 30jährigen Krieg die erste 100-Jahr-Feier, sie stand ganz im Zeichen der Selbstvergewisserung einer bedrohten Konfession. 1717 ging es um Abgrenzung gegen den Katholizismus und um die Auseinandersetzung mit der Aufklärung. 1817 standen die Feierlichkeiten ganz im Zeichen der napoleonischen Kriege und eines nationalen Erwachens, der deutsche Luther wurde entdeckt. 1917 mitten im 1. Weltkrieg ging es um nationale Selbstbehauptung aber auch um eine Neuentdeckung des theologischen Luthers. Denn seit 1883, zu Luther 400. Geburtstag, hatte man begonnen, seine Werke in einer großen wissenschaftliche Edition herauszugeben. 127 Bände mit über 80.000 Seiten sind es bis heute. Das führte zu intensiver Forschungsarbeit.
Nun also die fünfte Auflage 2017 – 500 Jahre Reformation. Wer feiert da nun? Da sind nun alle Evangelischen mit dabei. Anders als noch vor 100 Jahren. Aber nach über 200 Jahren innerevangelischer ökumenischer Bemühungen ist der Unterschied zwischen Lutheranern, Reformierten, Unierten und manchen Freikirchen so gering geworden, dass sich alle an diesen Feierlichkeiten beteiligen können und wohl auch wollen.
Mit Christen anderer Konfessionen sieht das schon anders aus. Sicherlich gibt es da auch ökumenische Bemühungen. Aber weder mit den orthodoxen Kirchen, noch mit der Katholischen Kirche sind die Übereinstimmungen so weit gediehen, dass man miteinander „500 Jahre Reformation“ feiern könnte. Manch ein Katholik hat im Vorfeld immer wieder betont, dass es keine Feierlichkeiten geben könne – wie solle man denn die Kirchenspaltung feiern?
Man hat sich nun inzwischen darauf geeinigt, dass man anlässlich des „Gedenkens der Reformation“ gemeinsame, ökumenische Christusfeste begehen könnte. Und flugs gab es eine gemeinsame Kommission und inzwischen ein Arbeitsbuch, eine „Arbeitshilfe für Gemeinde und Unterricht“. Ja, sicherlich alles nicht schlecht – aber das kann man, bei gutem Willen in beiden Konfessionen, immer machen und machen wir doch auch ständig.
Aber, wenn wir am 31. Oktober 2017 so etwas wie unseren 500. Geburtstag feiern, dann bitte schön mit Selbstbewusstsein, guter Laune und Selbstvergewisserung auf unsere eigenen Grundlagen als evangelische Christen. Ich bin mit Sicherheit niemand, der sich gegen ein ökumenisches Miteinander sträubt, ganz im Gegenteil. Aber an meinem Geburtstag, da geht es um mich, um mein Dasein – und das ist mit meiner Kirche nicht anders. Also feiern wir Evangelischen am 31. Oktober 2017 den Geburtstag unserer Evangelischen Kirche. Gäste sind willkommen – aber Form und Inhalt der Feier bestimmen wir selber.
Und darum ist es ganz, ganz wichtig, die eigene Geburtsgeschichte zu kennen, sich seines Herkommens immer wieder zu vergewissern, und vor allem die Inhalte seines eigenen Glaubens parat zu haben, einfach zu wissen. Und dazu soll diese Predigtreihe mit den Gesprächsabenden dienen. Inhaltlich geht es dabei um geschichtliche Hintergründe, theologische Inhalte und die gegenwärtige Bedeutung der Reformation und ihrer Erkenntnisse. Besonders Luthers Theologie wird dabei im Mittelpunkt stehen. Und es wird um Wissen und Glauben gleichermaßen gehen. 
Trotzdem gilt, was ich schon gesagt habe: Reformation hat es vor, neben und nach Martin Luther gegeben. „Das Wort ‚Reformation’ war im Mittelalter in aller Mund wie heute der Begriff ‚Demokratie’.“ (H. A. Obermann: Luther, S. 58) Selbst das Konzil von Konstanz (1414-1418) hatte am 04. April 1415 erklärt, das es um „reformationem ecclesiae in capite et in membris“ (KThGQ II, S. 235) gehe, um eine „Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern“.
Und so hatte es in der katholischen Kirche eine Reihe von Reformen und Reformationsversuchen gegeben: Das begann mit der Neugründung von Orden wie den Zisterziensern, den Franziskanern und den Dominikanern im 11., 12. und 13. Jahrhundert. Das setzte sich gleichzeitig außerhalb der Kirche durch die Reformbewegungen der Waldenser, der Albingenser und der Katharer in Südfrankreich und Norditalien fort. Dazu kamen Laienorganisationen wie die Beginen und deren männliches Gegenstück die Begarden in den Niederlanden und Norddeutschland, auch in Westfalen. Und gipfelte schließlich vor Luther in den theologischen Überlegungen von Johannes Wyclif (1330-1384) in England und Jan Hus (1369-1415) in Prag. Und John Nox (1514-1572) in Schottland ist auch nicht unbekannt.
Zur Zeit Luthers, also neben ihm, gab es die breite Reformbewegung des Humanismus mit Erasmus von Rotterdam (1469-1536) als europaweit leuchtendem Stern an der Spitze. Dazu kamen dutzende Freunde und Mitstreiter Luthers, von denen nur Philipp Melanchthon (1497-1560) genannt werden soll, aber auch innerevangelische Gegner wie Ulrich Zwingli (1484-1531) in Zürich und besonders Thomas Müntzer (1490-1525) in Thüringen. Dazu kam die radikalisierte Form der Reformation, die Bewegung der Täufer mit dem katastrophalen Täuferreich zu Münster (1534/35).
Und auch nach Luther ging es mit der Reformation immer weiter. Johannes Calvin (1509-1564) in Genf ist da nur der Berühmteste, der Verfasser des Heidelberger Katechismus (1563) Zacharias Ursinus (1534-1583), sicherlich weit weniger bekannt, aber eben auch wichtig.
Alle diese Reformen und Reformationsversuche können in dieser Predigtreihe nicht weiter verfolgt werden. Ich werde mich, wie schon gesagt, auf Martin Luther und seine Theologie beschränken und konzentrieren. Dabei werden, wie gerade geschehen, historische Begebenheiten angesprochen werden müssen. Wichtig aber wird es sein, die Theologie der Zeit, also der damaligen Katholischen Kirche und Luthers Gegenentwurf zu verstehen. 
Luthers Leben und seine Theologie sind dabei auf engste miteinander verbunden, ja ineinander verzahnt und verschlungen. Man kann sein Leben daher als „gelebte Theologie“ (H. Leiner: Luthers Theologie für Nichtteheologen, S. 15-23) bezeichnen. Das Ineinander von Leben, Theologie und dem schriftstellerischen Werk bei Martin Luther soll die folgende Liste verdeutlichen:.

<colgroup><col width="23"> <col width="270"> </colgroup>

1.

Auseinandersetzung mit der scholastischen Theologie 
(ab 1501 in Erfurt und ab 1508 in Wittenberg)

2.

Kampf gegen den Missbrauch des Ablasses 
(95 Thesen und deren Erläuterungen, 1517)

3.

Disputation mit Ordensvertreten 
(25./26.04.1518 in Heidelberg)

4.

Verhör durch Kardinal Cajetan 
(12.-14.10.1518 in Augsburg)

5.

Disputation mit Dr. Johannes Eck 
(04.-15.07.1519 in Leipzig)

6.

Auseinandersetzung mit dem Papsttum und der Bann (03.01.1521) 
(1520 die vier reformatorischen Hauptschriften 
- „Von den guten Werken“ 
- „An den christlichen Adel deutscher Nation“ 
- „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ 
- „Von der Freiheit eines Christenmenschen“)

7.

Diskussionen um die Zahl der Sakramente 
(1520 mit den Katholiken)

8.

Abrechnung mit dem Mönchtum 
(1521 „Urteil über die Mönchsgelübde)“

9.

Wormser Reichstag und „Entführung“ auf die Wartburg 
(16.-26.04.1521 in Worms; 04.05.1521-01.03.1522 Wartburg, NT)

10.

Innerevangelische Auseinandersetzungen, mit Andreas Karlstadt
(09.-16.03.1521die „Invokavitpredigten“)

11.

weitere Auseinandersetzung mit den Schwärmern 
(1522-1523 in Wittenberg)

12.

Überlegungen zu politischen Fragen 
(1523 „Von weltlicher Obrigkeit“)

13.

Auseinandersetzung mit Thomas Müntzer 
(1525 Bauernkrieg und „Bauernschriften“, trotzdem Heirat)

14.

Auseinandersetzung mit Erasmus von Rotterdam 
(1525 „Vom unfreien / geknechteten Willen“)

15.

Auseinandersetzungen um das Abendmahl 
(1522-1529 besonders mit Zwingli)

16.

Die Türkenfrage 
(1529 „Vom Kriege wider die Türken“)

17.

Wie soll die Kirche neu geordnet werden? 
(1529 „Großer und Kleiner Katechismus“)

18.

Stellungnahme zum geplanten Konzil 
(1537 „Schmalkaldische Artikel“)

19.

Auseinandersetzungen mit den Juden 
(1523-1545 „Judenschriften“)

20.

Erneute Auseinandersetzung mit dem Papsttum 
(1545 „Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet“)

 



Ich breche hier ab, aber nicht ohne zu sagen, dass man diese Liste sicherlich noch verlängern, wenn nicht gar verdoppeln könnte. 
Luther hat bei all seinen vielen Schriften allerdings kein Lehrbuch des evangelischen Glaubens hinterlassen. Das war zuerst seinem Freund Philipp Melanchthon („Loci communes“ 1521) und später Johannes Calvin („Institutio = Unterricht in der christlichen Religion“ 1536 1. Auflage, 1559 letzte Auflage durch Calvin) vorbehalten. Er hat vielmehr immer auf Herausforderungen reagiert. Seine Schriften sind sogenannte „Gelegenheitsschriften“ – es ergab sich eine bestimmte Situation, eine bestimmte Gelegenheit – und er verfasste seine konkrete Antwort.


Liebe Gemeinde!
In den kommenden Predigten wird vieles von dem bisher gesagten eine Rolle spielen, nicht alles wird wieder erwähnt werden, anderes wird noch neu hinzutreten müssen. Ich lade Sie ein, sich auf dieses Abenteuer „500 Jahre Martin Luther und die Reformation“ einzulassen. Wer dann noch nachfragen möchte, ist zudem zu den Gesprächsabenden herzlich eingeladen. Die thematische Gliederung und Reihenfolge ist auf dem Einladungsbrief und im Internet zu finden.
Manch einer wird sich jetzt vielleicht fragen: „Brauchen wir das denn alles? Muss ich das denn alles wissen? Gibt es da nichts wichtigeres auf der Welt?“ Man könnte sogar meinen, Luther dabei auf seiner Seite zu haben. Denn im Vorwort zum ersten Band seiner lateinischen Schriften von 1545 schreibt er:
„Martin Luther grüßt den frommen Leser.
Sehr und lange habe ich denen widerstanden, die meine Bücher oder richtiger das Wirrsal meiner nächtlichen Schreibereien herausgegeben sehen wollten. Einesteils wollte ich nicht, daß die Arbeiten der Alten durch meine neuen Schriften verdrängt und der Leser am Studium jener gehindert würde; andernteils gibt es jetzt durch Gottes Gnade sehr viele gute Lehrbücher, vor allem die Loci communes des Philippus, an denen sich ein Theologe und Pfarrer vortrefflich und vollauf bilden kann, um in der Predigt der Glaubenslehre mächtig zu sein. Zudem kann man jetzt die heilige Schrift fast in jeder Sprache haben. Meine Bücher aber sind ein rohes und ungeordnetes Chaos, wie es eben der Gang der Dinge – ungeordnet wie er war – mit sich brachte, ja mit sich bringen mußte. Ja, mir selbst würde es schwerfallen, sie jetzt in die richtige Ordnung zu bringen.
Aus diesem Grunde wünschte ich, alle meine Bücher wären auf immer vergessen und begraben, um besseren Platz zu machen. Aber arg zudringlich und hartnäckig lag man mir täglich in den Ohren: wenn ich zu meinen Lebzeiten eine Veröffentlichung nicht zuließe, würde sie doch nach meinem Tode ganz gewiß erfolgen, und dann von Leuten, die vom Verlauf der Ereignisse und deren Ursachen nicht das Geringste wüßten. Und so würden aus der einen Verwirrung viele andere folgen. Ihr Drängen (sage ich) hat mich dazu gebracht, daß ich in eine Veröffentlichung einwilligte. Dazu kam zugleich der Wunsch und Wille unseres durchlauchtigsten Kurfürsten Johann Friedrich, der befahl, ja die Drucker zwang, die Bücher nicht allein zu drucken, sondern die Herausgabe auch zu beschleunigen.“ (Martin Luther: Vorrede zu Band I der lateinischen Schriften der Wittenberger Luther-Ausgabe, 1545; in: Luther Deutsch: Bd. 2, S. 11-12)

Gut, dass Luther solche Freunde und solch einen Landesherren hatte, dass seine Bücher dann doch gedruckt wurden. Auch wenn wir nun Mühe haben, uns durch sein Werk zu arbeiten. Es lohnt sich – um unseres evangelischen Glaubens Willen!
Nochmals: Meine Antwort auf die Fragen, ob das alles denn nötig ist: „Wenn Ihnen Ihr evangelischer Glaube etwas bedeutet, dann ist das alles überaus wichtig.“ Natürlich steht in christlichen Glaubenssachen erst einmal die Bibel ganz am Anfang, im Mittelpunkt und auch am Schluss, Luther selber betont das immer wieder. Darum wird gerade im evangelischen Gottesdienst die Bibel normalerweise auch mehrfach zur Sprache gebracht: im Psalmgebet, in der Lesung, als Predigttext, in Form von einzelnen Bibelworten beim Gnadenspruch, bei der Taufe, beim Abendmahl.
Doch die Bibel ist nicht ganz einfach zu verstehen. Wir brauchen Handwerkszeug, einen Werkzeugkasten um Verständnis zu gewinnen und zu vermitteln. Und dieser Werkzeugkasten, das ist die Theologie, die sich aber immer wieder an der Bibel messen lassen muss. Und Martin Luther und die anderen Reformatoren haben die evangelische Theologie, mit der wir unseren Glauben zur Sprache bringen, begründet. Auf ihn und die anderen zu hören lohnt sich auch nach 500 Jahren noch. Und darum, noch einmal: Ja, das muss sein – wenn mir mein christlicher Glaube in der evangelischen Ausgestaltung wichtig ist.
Schließen möchte ich darum mit einem weiteren Zitat Martin Luthers.
Gut, dass Luther solche Freunde und solch einen Landesherren hatte, dass seine Bücher dann doch gedruckt wurden. Auch wenn wir nun Mühe haben, uns durch sein Werk zu arbeiten. Es lohnt sich – um unseres evangelischen Glaubens Willen!
Nochmals: Meine Antwort auf die Fragen, ob das alles denn nötig ist: „Wenn Ihnen Ihr evangelischer Glaube etwas bedeutet, dann ist das alles überaus wichtig.“ Natürlich steht in christlichen Glaubenssachen erst einmal die Bibel ganz am Anfang, im Mittelpunkt und auch am Schluss, Luther selber betont das immer wieder. Darum wird gerade im evangelischen Gottesdienst die Bibel normalerweise auch mehrfach zur Sprache gebracht: im Psalmgebet, in der Lesung, als Predigttext, in Form von einzelnen Bibelworten beim Gnadenspruch, bei der Taufe, beim Abendmahl.
Doch die Bibel ist nicht ganz einfach zu verstehen. Wir brauchen Handwerkszeug, einen Werkzeugkasten um Verständnis zu gewinnen und zu vermitteln. Und dieser Werkzeugkasten, das ist die Theologie, die sich aber immer wieder an der Bibel messen lassen muss. Und Martin Luther und die anderen Reformatoren haben die evangelische Theologie, mit der wir unseren Glauben zur Sprache bringen, begründet. Auf ihn und die anderen zu hören lohnt sich auch nach 500 Jahren noch. Und darum, noch einmal: Ja, das muss sein – wenn mir mein christlicher Glaube in der evangelischen Ausgestaltung wichtig ist.
Schließen möchte ich darum mit einem weiteren Zitat Martin Luthers.
Bereits im Vorwort zum ersten Band seiner deutschen Schriften von 1539 schreibt er folgendes. Auch dort betonte er zuerst, dass es nicht um seine Bücher, sondern um die Bibel geht:
„Gern hätte ichs gesehen, daß meine Bücher allesamt unterblieben und untergegangen wären. …
Nun ich dem aber ja nicht wehren kann, und man gegen meinen Willen meine Bücher jetzt im Druck sammeln will …, muß ich sie die Kosten und Mühe daran wagen lassen. …
Wohlan, so laß es in Gottes Namen gehen, nur daß ich freundlich bitte: wer meine Bücher zu dieser Zeit haben will, der lasse sie sich beileibe nicht ein Hindernis sein, die Schrift selbst zu studieren, …“
Dann aber betont er, dass Theologie zu betreiben wichtig und nötig ist:
„Darüber hinaus will ich dir eine rechte Weise in der Theologie zu studieren anzeigen, in der ich mich geübt habe. Wenn du die einhältst, sollst du so gelehrt werden, daß du selbst (wenn es nötig wäre) gerade so gute Bücher machen könntest, wie die Väter und Konzile. ... Und das ist die Weise, die der heilige König David im 119. Psalm lehrt … . Da wirst du drei Regeln drin finden, die den ganzen Psalm hindurch reichlich vorgetragen werden. Sie heißen: Gebet, Meditation, Anfechtung. …
Erstens sollst du wissen, daß die heilige Schrift ein solches Buch ist, das aller anderen Bücher Weisheit zur Narrheit macht, weil keines vom ewigen Leben  lehrt, außer diesem allein. …  kniee in deinem Kämmerlein nieder bete und bitte mit rechter Demut und Ernst zu Gott, daß er dir durch seinen lieben Sohn seinen Heiligen Geist geben wolle, der dich erleuchte, leite und dir Verständnis gebe. …
Zum zweiten sollst du meditieren, das ist: nicht allein im Herzen, sondern auch äußerlich die mündliche Rede und die Worte im Buch dem Buchstaben nach immer wiederholen, lesen und noch einmal lesen, mit fleißigem Aufmerken und Nachdenken, was der Heilige Geist damit meint. Und hüte dich, daß du dessen nicht überdrüssig werdest, oder denkest, du habest es mit einem oder zwei Mal genug gelesen, gehört, gesagt, und verständest es alles von Grund auf. …
Zum dritten ist da die Anfechtung. Die ist der Prüfstein, der dich nicht allein wissen und verstehen lehrt, sondern auch erfahren, wie recht, wie wahrhaftig, wie süß, wie lieblich, wie mächtig, wie tröstlich Gottes Wort sei, Weisheit über alle Weisheit. …
Siehe, da hast du Davids Regel. Studierst du nun gut diesem Vorbild nach, so wirst du mit ihm in demselben Psalm (V. 72) auch singen und rühmen: »Das Gesetz deines Mundes ist mir lieber als viel tausend Stück Gold und Silber.«  …“ (Martin Luther: Vorrede zu Band I der deutschen Schriften der Wittenberger Luther-Ausgabe, 1539; in: Luther Deutsch: Bd. 1, S. 13-18)
Sich mit dem Glauben zu beschäftigen, die Bibel zu verstehen versuchen, Theologie zu betreiben bedeutet also: Gebet, Meditation, Anfechtung – also Mühe. Aber genau das ist Gottesdienst.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus.                                                     
Amen.