2. Predigt - Prägungen I

500 Jahre Martin Luther und die Reformation


2. Predigt (15.01.2017) – Prägungen I.: Herkommen, Kindheit und Jugend, Studium, Humanismus, Gesellschaft und Politik
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Amen.



Liebe Gemeinde!
500 Jahre Martin Luther und die Reformation, heute die 2. Predigt: Herkommen, Kindheit und Jugend, Studium, Humanismus, Gesellschaft und Politik.
Martin Luthers Eltern sind Hans Luder (1449-1530), dessen Vorfahren waren Vollbauern, d. h. sie hatten Eigentum und Margarete Luder, geb. Lindemann (1459-1531), sie kam aus dem Bürgertum Eisenachs. Beide Familien verfügten über ein gewisses Besitztum und Vermögen, mit dem sie das Ehepaar unterstützten, damit dieses selbständig werden konnten.
Die Welt, in die Martin Luther am 10. November 1483 kurz vor Mitternacht in Eisleben hineingeboren wird, ist eine Welt des Umbruchs und der Veränderung, der Erneuerung und des Fortschritts. Einerseits ist sie noch tief im Mittelalter verankert, andererseits werden die Grundlagen für ein neues Zeitalter gelegt.
Man kommt aus einer Zeit, da sah man die Welt mehrmals aus dem Angeln gehoben und untergehen. Hier nur einige Beispiele:



1309-1378 - Exil der Päpste in Avignon
1337-1453 - 100jähriger Kriege (England – Frankreich)
1348 - die große Pest (mehrere Pestwellen bis ins 20. Jh.)
1378-1417 - Großes Abendländisches Schisma
1410 - drei Päpste und drei deutsche Könige gleichzeitig
06.07.1415 - Johannes Hus wird in Konstanz ermordet
29.05.1453 - Eroberung Konstantinopels durch die Türken
1470er Jahre - verschiedene lokale Bauernerhebungen.
Andererseits gab es auch positive Veränderungen, Erfindungen und Entdeckungen. Wieder einige Beispiele:
1348-1502 - Gründung von 17 Universitäten (ohne Papst)
um 1450 - Gutenberg und der Buchdruck
um 1450 - deutscher Humanismus
(gegen Scholastik, Kurie, Papst)
1487 - Bartolomeo Diaz umsegelt das
Kapp der Guten Hoffnung
1492 - Kolumbus in Amerika
1494 - Versuch einer Reichsreform mit Ewigem
Landfrieden und dem Reichskammergericht,
Beratung in drei Kurien ohne Kaiser
1498 - Vasco da Gama erreicht Indien auf dem Seeweg
1502 - Gründung der Wittenberger Universität „Leucorea“.



Das damalige Lebensgefühl der Menschen lässt sich folgendermaßen beschreiben: Man hatte die Probleme und Katastrophen des 14. Jahrhunderts noch gut in Erinnerung, wollte aber im 15. Jahrhundert durchaus auch zu neuen Ufern aufbrechen.
Diesen Weg vom Alten zum Neuen, aus den Bedrängnissen der alten Zeit heraus zu einem besseren Leben macht Luther deutlich, wenn er später vom Leben seiner Familie, seiner Eltern und seiner eigenen Kinder- und Jugendjahre während der sogenannten Tischgespräche erzählt. Zuerst malt er ein recht düsteres Bild, aus dem aber dann doch etwas ganz Neues erwächst. Zuerst sieht er sich in den Familien-Banden gehalten, aus denen er dann aber mit Wucht ausbricht.
Hier einige Zitate aus den Tischreden:
- Ich bin eines Bauern Sohn, mein Vater, Großvater, Ahnherren sind rechte Bauern gewesen.
- Ich hatte arme Eltern. Der Vater war ein Bauernsohn aus den Dorf Möhra bei Eisenach. Von dort zog er nach Mansfeld.
- Mein Vater ist nach Mansfeld gezogen und daselbst Metallus, ein Berghauer, geworden.
- Mein Vater ist ein armer Häuer gewesen. Die Mutter hat ihr Holz auf dem Rücken heimgetragen. So haben sie uns erzogen. Sie haben harte Mühsal ausgestanden, wie sie die Welt heute nicht mehr ertragen wollte.“
Mit all diesen Aussagen stilisiert Luther sich als einen Mann aus dem Volke. Trotz seiner Herkunft aus bäuerlichen Schichten ist was aus ihm geworden. Das aber lag schon an seinem Vater. Denn im Herbst 1484 zog dieser mit seiner kleinen Familie von Eisleben nach Mansfeld. Dort erwirbt er sich die Position eines Teilhabers an einer Bergwerkgesellschaft, wird Miteigentümer an Kupferschächten und Hütten. Später wird der Vater Hans Luder Magistrat der Stadt. Doch blieb es bei einem dauernden Kampf zwischen guten Gewinnen und totaler Verschuldung. Beim seinem Tod hinterließ zwar er ein kleines Vermögen von 1250 Goldgulden. Eine dauerhafte Absicherung fällt aber immer schwer.
Daher setzt Vater Luther auf seinen Ältesten Martin. Der soll den Weg in eine gesicherte bürgerliche Existenz fortsetzen, absichern und dadurch der ganzen Familie helfen, ja ihr einen gewissen Reichtum verschaffen. Dazu bedarf es der Bildung und der Ausbildung. Hier die wichtigsten Stationen:



12.03.1491 - Besuch der Trivialschule in Mansfeld
1497 - Magdeburger Domschule
1498 - Eisenach, Pfarrschule St. Georg
Mai 1501 - Erfurt, Universität (artistisches Grundstudium )
Sept. 1502 - Baccalaureus artium
Januar 1505 - Magister artium (Philosophie)


- Studienbeginn an der Erfurter juristischen Fakultät
Der Vater wollte aus Martin etwas „Höheres“ machen. Er sagte ihm voraus: „er werde ein Schultheiß und was sie mehr im Dorf haben, er würde irgendein oberster Knecht über die anderen sein.“ Die Eltern ahnten natürlich nicht, was aus ihrem Sohn später wirklich werden würde. Luther selber sagt rückblickend: „Mein Vater und Mutter haben nicht gedacht, dass sie einen Doctor Martin Luther bringen wollten. Das ist einzig Gottes Wahl, die uns verborgen ist.“
Ja, der Vater hatte anscheinend auch schon eine gute Partie für seinen Sohn ausgewählt. Darum war dieser wohl auch mitten im Semester Ende Juni 1505 nach Haus zu den Eltern gefahren, besser gelaufen. Aber dann auf der Rückreise am 02. Juli 1505 der berühmte Blitzschlag bei Stotternheim und Luthers Gelübde: „Hilf du, heilige Anna, ich will Mönch werden!“ Der Vater war außer sich: „Da wollte mein Vater toll werden. – Mein Sohn, weißt du nicht, was du deinem Vater schuldest? Wenn´s nur nicht ein Gespenst mit dir wäre. – Und er sagte mir alle Gunst und väterlichen Willen ab.“ Damit hatte das Familienleben der Luders einen Tiefpunkt erreicht. Am 17. Juli 1505 erfolgt der Eintritt ins Augustiner-Eremiten-Kloster zu Erfurt. Luder ist ein gut-katholischer Mönch, der seine Kirche liebt.
Zeit für uns einen Blick auf das öffentliche Leben zu werfen. Über die allgemeine Stimmung und die Veränderungen im Leben habe ich am Anfang schon etwas gesagt. Wie sah es aber nun im Deutschen Reich aus, in dem die Reformation ihren Anfang nahm?
An oberster Stelle standen natürlich der Kaiser und die sieben Kurfürsten. Zu Luthers Lebzeiten regierten drei Kaiser: Friedrich III. (1440-1493), Maximilian I. (1493-1519) und Karl V. (1519-1556). Doch die Kaiser waren häufig nicht in den deutschen Landen anwesend, sondern mit Kriegen in Italien und Frankreich beschäftigt. Oder lebten einfach weit weg, in Spanien. Und die Kurfürsten kochten sowieso ihr eigenes Süppchen und somit war das Reich ein schwaches Gebilde. Es gliederte sich in unzählige große, mittlere, kleine und kleinste Territorien, Herrschaften und Städte. Reichstage, Reichshofrat, Reichskammergericht und Reichsregiment versuchten zwar Herrschaft zu etablieren, scheiterten aber oft an der Vielzahl der Interessen. Reformen waren also dringen nötig.
Einig war man sich nur in den sogenannten Gravamina, das sind Beschwerden der Deutschen Nation. Die Gravamina der deutschen Nation, häufig auch mit dem Zusatz „wider den päpstlichen Hof“, waren spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Beschwerden aus dem deutschsprachigen Raum gegen den Papst und die Kurie in Rom. Sie hatten erhebliche Bedeutung für die Schaffung einer antipäpstlichen Stimmung, an die Martin Luther und die Reformatoren anknüpfen konnten. Die Gravaminabewegung hatte erheblichen Einfluss auf die Entstehung eines deutschen Selbstverständnisses als einer Vorform des Nationalbewusstseins. Diese Beschwerden wurden auf den Reichstagen, auch gegen den Willen des Kaisers, beschlossen und zeigen, dass es in erster Line um politische Forderungen ging, die später aber Luther in die Karten spielten.
Und dann gab es da noch das Vordringen des Islams, der „Türken“, wie man damals allgemein sagte. Um Ihnen die Bedrohung vor Augen zu stellen hier einige Daten, die zeigen, wie schnell da im Osten ein neues Reich entstand und nach Westen, in christliche Lande hineinreichte:



29.05.1453 - Eroberung Konstantinopels
1516 - Türken erobern Syrien
1517 - Türken erobern Kairo, Mekka und Medina
1521 - Türken (Suleimann I.) erobern Belgrad
1523 - Türken erobern Rhodos
1526 - Schlacht bei Mohács, Türken in Ungarn
Sept. 1529 - Türken vor Wien (bis 14.10.1529)


1533 - Waffenstillstand mit den Osmanen.

Ein weiters Feld der Veränderungen betraf das geistig-philosophische Leben in ganz Europa. Besonders einige Universitäten wurden von einem neuen Denken erfasst. Und Luther ging bei ihnen in die Schule. Renaissance und Humanismus sind die Schlagworte. Ideen, wissenschaftliche Methoden und literarische Quelle aus der Antike, die im ganzen Mittelalter unbeachtet geblieben, ja verboten waren, traten in den Vordergrund.
Erasmus von Rotterdam war einer der großen Vordenker der Zeit. Das Neue Testament, ja die ganze Bibel sollte nicht in Latein, sondern zuerst in der Ursprache, also in Hebräisch und in Griechisch, studiert und dann in die Landessprache übersetzt werden. Und genau da setzt Luther dann an: er übersetzt zuerst das Neue Testament, dabei hilft ihm eine Neuausgabe in Griechisch von Erasmus. Später hilft ihm sein Freund Melanchthon bei der Übersetzung des Alten Testamentes aus dem Hebräischen.
Liebe Gemeinde!
Weitere Veränderungen in der Zeit um 1500 betrafen die Entwicklung der Städte, die Bauernschaft, die frühkapitalistische Wirtschaftsweise, Entdeckungen in den Naturwissenschaften, Erfindungen die das Leben umgestalteten, z. B. Entwicklungen im Bergbaus oder besonders der Buchdruck, der ein völlig neues Medienzeitalter hervorbrachte und vieles mehr.
Die Menschen waren einerseits voller Tatendrang Neues zu erleben, zu erfinden zu entdecken. Anderseits waren sie aber durch äußerliche Bedrohungen wie Pest, Krieg und rechtliche Unsicherheiten in mancherlei Ängsten gefangen. Immer mal wieder gab es gute Ansätze, neue Ideen und auch den Mut etwas zu wagen. Dann aber sah man sich vom Bösen umstellt, ergriffen und gewürgt.
Wie das alles sich auf Kirche, Glauben, Theologie und Volksreligion auswirkte werden wir uns bei der nächsten Predigt anschauen.
Schließen möchte ich mit einem Lutherzitat, um seine Sicht der damaligen Zeit und ihrer Unwägbarkeit darzulegen. Gerne würde ich das ja mit dem folgendem berühmten Satz machen: „Auch wenn ich wüsste, das morgen die Welt zu Grunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ Doch leider ist der eine Erfindung des letzten Jahrhunderts, nach dem II. Weltkrieg.
Bleibt wieder ein Blick in seine Tischreden. Und da heißt es:
Alles, was in der ganzen Welt geschieht, das geschieht in Hoffnung. Kein Bauer säte auch nur ein Korn aus, wenn er nicht die Hoffnung auf die Ernte hätte. Kein Jüngling würde heiraten, wenn er nicht die Hoffnung auf Nachkommenschaft hätte. Kein Kaufmann oder Tagelöhner würde arbeiten, wenn er nicht Gewinn und Lohn erwartete. Um so mehr sollte uns die Hoffnung zum ewigen Leben vorwärtsbringen.“ (vgl. Luther Deutsch Bd. 9, S. 77)
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.


Leseempfehlung für den Gesprächsabend am 23.01.2017, 19.00 Uhr:
1.) Luther lesen - Die zentralen Texte, 2016:
- S. 15f.: Philipp Melanchthon über die Herkunft und die Geburt
Luthers
- S. 17: Das Gewitter bei Stotternheim: Luther wird Mönch (1505)
Die nächste Predigt ist zu hören am 05. Februar 2017.