500 Jahre Martin Luther und die Reformation

9. Predigt – Luthers Gottesbild

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.


Liebe Gemeinde!

500 Jahre Martin Luther und die Reformation – heute die 9. Predigt – Luthers Gottesbild, sein Gottesverständnis.

Im Großen Katechismus, zur Auslegung des ersten Gebotes „Du sollst nicht andere Götter haben“ schreibt Luther:

Das ist: Du sollst mich alleine für Deinen Gott halten. Was heißt, »einen Gott haben«, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten. Also daß »einen Gott haben« nichts anders ist, als ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, daß alleine das Vertrauen und Glauben des Herzens beide macht: Gott und Abgott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, so ist auch Dein Gott recht; und umgekehrt: wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zu Haufe (zusammen), Glaube und Gott. Worauf Du nun (sage ich) Dein Herz hängest und verlässest, das ist eigentlich Dein Gott. …

Darum ist nun die Meinung dieses Gebots, daß es rechten Glauben und Zuversicht des Herzens fordert, welche den rechten einzigen Gott treffe und an ihm alleine hange. …

Ebenso auch: wer darauf trauet und trotzet, daß er große Gelehrsamkeit, Klugheit, Gewalt, Gunst, Verwandtschaft und Ehre hat, der hat auch einen Gott, aber nicht diesen rechten, einzigen Gott. Das siehest Du abermals daran, wie vermessen, sicher und stolz man auf solche Güter ist, und wie verzagt, wenn sie nicht vorhanden sind oder entzogen werden. Darum sage ich abermals, daß die rechte Auslegung dieses Stückes sei, daß »einen Gott haben« heißt: etwas haben, darauf das Herz gänzlich trauet.“ (Luther Deutsch, Bd. 3, S. 20-21)

Solch ein Gottesvertrauen, solch eine Gottesgewißheit hätte ich auch gerne! Luther sah sein ganzes Leben, in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug und jedem Furz in Gott begründet. Er führte sein ganzes Leben „coram Deo“ d. h. vor Gott. Nichts großes und nichts kleines, nichts alltägliches und nichts weltbewegendes war ohne Gott, konnte nicht ohne Gott sein und sich nur vor Gott und im Angesicht Gottes abspielen.

Dabei hat Luther nie eine Theologie, also eine Gotteslehre geschrieben. Seine Theologie, seine Gotteslehre steckt in allen seinen Gedanken, Äußerungen und Schriften. Von Gott kann er niemals absehen, Gott ist immer Dreh- und Angelpunkt seines Denkens, Redens, Schreibens. Im Morgen und Abendgebet: „Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist!“, im Lied: „Ein Feste Burg ist unser Gott“, im Psalm 130: „Denn bei dem HERRN ist die Gnade“ und natürlich in den Texten der beiden Katechismen: Gott ist immer da.

Luther fühlt sich von Gott immer zutiefst getroffen und betroffen, d.h. es betrifft ihn direkt, was Gott sagt und tut. In allem was Luther tut, was ihm widerfährt: Gott ist direkt vor und neben ihm, und oft auch hinter ihm, so dass sich Luther durch diesen Gott manchmal auch regelrecht bedrängt sieht. Ob beim Blitzerlebnis von Stotternheim, ob bei der Feier der Eucharistie bei seiner Primiz, ob bei seinen Anfechtungen im Kloster oder später vor den Großen des Reiches: er ist nicht allein – Gott ist immer da! Theoretisch kann er über diesen Gott nicht reden – nur in persönlicher Betroffenheit, nur im Gebet, im Lob und in der Klage.

Unser heutiges Fragen nach Gott ist ganz anders, eben viel theoretischer, philosophischer:

- Luther fragte ganz persönlich nach dem gnädigen Gott – heute fragt kaum einer überhaupt nach Gott;

- die Abwesenheit Gottes scheint im Westen vielen Menschen nur allzu deutlich, Gott spielt keine Rolle im alltäglichen Leben;

- eine heutige Offenbarung Gottes scheint vielen unvorstellbar, früher vielleicht einmal, aber heute? gar mir? – bestimmt nicht!

- heutiges Fragen nach dem Leid in der Welt, nach Sünde, dem Bösen, dem Tod bringt Gott viel mehr auf die Anklagebank, nach dem Motto: „Wie kann Gott das zulassen?“

- unsere Gottesvorstellungen kreisen oft um den alten Mann auf dem Thron, aber weit weg, der geht mich kaum was an.

- und vom Zorn Gottes will schon gar keiner was hören; wenn schon Gott, dann der liebe Gott, der keinem was tut, der kleinen Kindern bestimmt auch keine Angst macht – irgendwie weichgespült eben, kuschelweich, harmlos, unbedeutend.

Fragen wir theoretisch ob es denn überhaupt einen Gott gibt, so fragt Luther ganz persönlich sich und alle anderen: Wer ist dein Gott? Welchen Gott hast du? An welchen Gott glaubst du? Auf wen verlässt du dich im Leben und im Sterben? Welcher Gott bestimmt dein ganzes Leben, dein wollen, sagen und tun? Luthers Lebenserfahrung sagt ihm, dass Gott da ist, dass es einen, seinen Gott gibt. Und er weiß, dass jeder einen Gott braucht! Das kann dann aber auch ein falscher Gott, ein Götze, ein Abgott sein. So könnte man Luthers Fragen zuspitzen: „Welcher Gott hat dich?“ (Leiner: Luthers Theologie, S. 89)

So ist für Luther die Frage nach Gott immer auch verbunden mit der Frage nach der Stellung des Menschen zwischen Gott und Abgott. Diese Stellung des Menschen zwischen Gott und Abgott ist als Glaube und Unglaube zu beschreiben. Das führte Luther zu folgenden Beschreibungen Gottes:

1. der zornige Gott - und der gnädige Gott

2. der verborgene Gott - und der offenbarte Gott.

Hier muss der gläubige Mensch sich entscheiden!

Jeder Mensch hat Ziele, jeder lebt von etwas und für etwas, jeder lebt auf etwas zu. Jeder Mensch hat etwas, was ihn unbedingt angeht, was sein Mittelpunkt ist, wofür er sich einsetzt, worauf sein Sehnen und Streben geht. Also hat jeder Mensch seinen „Gott“, der sein Leben bestimmt, etwas, was über ihn selbst hinausweist. Man nennt das Transzendenz – der Mensch ist ein transzendentes Wesen. Selbst Menschen, die Gott leugnen, suchen ein besseres Leben, eine bessere Welt, hier oder in einer neuen Welt. Luthers Schlussfolgerung, wir hörten sie bereits: „Worauf Du nun Dein Herz hängest, das ist eigentlich Dein Gott.“

So gesehen gibt es viele Götter. Nicht nur die bekannten aus den anderen Religionen, sondern viel mehr die, die wir uns selber machen. Ersatzgötter die den Platz Gottes in unserem Leben einnehmen: Abgötter, Götzen. Das kann vielerlei sein: Süchte zum Beispiel nach Drogen, Arbeit und Sex. Für manchen ist es das Geld, das Auto, der Fußball. Und dann natürlich die ganzen Ismen: Kommunismus, Idealismus, Kapitalismus, Nationalismus und deren Ab- und Spielarten.

Mensch, DU Zuhörer: Was ist dir wirklich wichtig im Leben? Wofür setzt du dich ein? Wofür lebst du? Ist das dann dein Gott? Lassen wir an dieser Stelle noch einmal Luther über das erste Gebot sprechen:

„Das muß ich ein wenig deutlich erklären, daß mans an allgemeingültigen Exempeln des Gegenteils verstehe und merke. Es ist mancher, der meinet, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat; er verläßt und brüstet sich darauf so steif und sicher, daß er auf niemand etwas gibt. Siehe: dieser hat auch einen Gott, der heißet Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzet, welches auch der allergewöhnlichste Abgott auf Erden ist.

Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und umgekehrt: wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihrer gar wenig finden, die guten Mutes seien, nicht trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; es klebt und hängt der Natur an bis ins Grab. … Darum sage ich abermals, daß die rechte Auslegung dieses Stückes sei, daß »einen Gott haben« heißt: etwas haben, darauf das Herz gänzlich trauet.“ (Luther Deutsch, Bd. 3, S. 20-21)

Und etwas weiter:

So verstehst Du nun leicht, was und wie viel dies Gebot fordert, nämlich das ganze Herz des Menschen und alle Zuversicht auf Gott allein und niemand anders. Denn »Gott haben«, kannst Du wohl erkennen, ist nicht so, daß man ihn mit Fingern ergreifen und fassen oder in Beutel stecken oder in Kasten schließen kann. Das heißet ihn aber gefasset, wenn ihn das Herz ergreifet und an ihm hanget. Mit dem Herzen aber an ihm hangen ist nichts anders, als sich gänzlich auf ihn verlassen. Darum will er uns von allem andern abwenden, das außer ihm ist, und zu sich ziehen, weil er das einzige ewige Gut ist. Als wollte er sagen: was Du zuvor bei den Heiligen gesucht oder auf den Mammon und sonst vertrauet hast, das versiehe Dich alles zu mir und halte mich für den, der Dir helfen und Dich mit allem Guten reichlich überschütten will.

Siehe, da hast Du nun, was die rechte Ehre und Gottesdienst ist, der Gott gefällt, welchen er auch bei ewigem Zorn gebietet: nämlich daß das Herz keinen andern Trost noch Zuversicht wisse als bei ihm, lasse sich auch nicht davon reißen, sondern wage und hintansetze darüber alles, was auf Erden ist. Dagegen wirst Du leicht sehen und urteilen, wie die Welt eitel falschen Gottesdienst und Abgötterei treibt. Denn es ist nie ein Volk so ruchlos gewesen, daß es nicht einen Gottesdienst aufgerichtet und gehalten habe. Da hat jedermann das zum sonderlichen Gott erhoben, davon er sich Gutes, Hilfe und Trost versehen hat.“ (Luther Deutsch, Bd. 3, S. 21-22)

Damit lässt Luther es bewenden. Er gibt keine Beschreibung Gottes oder seiner Eigenschaften. Was ihm aber wichtig ist, ist Gott als Schöpfer. Und da ist immer noch der Kleine Katechismus mit der Aussagen zum 1. Artikel des Glaubensbekenntnisses Erklärung genug:

DER ERSTE ARTIKEL. VON DER SCHÖPFUNG

Ich glaube an Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde.


Was ist das?

Ich glaube,

daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen,

mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder,

Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält;

dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken,

Haus und Hof, Weib und Kind,

Acker, Vieh und alle Güter;

mit allem, was not tut für Leib und Leben,

mich reichlich und täglich versorgt,

in allen Gefahren beschirmt

und vor allem Übel behütet und bewahrt;

und das alles aus lauter väterlicher,

göttlicher Güte und Barmherzigkeit,

ohn’ all mein Verdienst und Würdigkeit:

für all das ich ihm zu danken und zu loben

und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin.

Das ist gewißlich wahr.“ (EG 855.2)


Liebe Gemeinde!

Zu Luthers Gottesbild, zu seinem Gottesverständnis kann noch sicherlich viel, viel mehr gesagt werden. Luthers inniges Verhältnis zu Gott bestimmt seine Theologie. Dass wir das alles heute zumeist nicht nachvollziehen können, dass unser Glaubensleben oft viel flacher ist, dass wir dieses existenzielle Gottesverhältnis verloren haben, ist allerdings auch schon zur Zeit Luthers grundgelegt.

Luthers Freund Philipp Melanchthon verfasste 1530 „Das Augsburger Bekenntnis“. Das ist eine Grundurkunde der evangelisch-lutherisch Kirchen bis heute, die auch von Luther anerkannt wurde. Und da wird uns eine ganz anders geartete Erklärung über Gott gegeben:


Artikel 1: Von Gott

Zuerst wird einträchtig entsprechend Beschluss des Konzils von Nicäa gelehrt und festgehalten, dass ein einziges göttliches Wesen sei, das Gott genannt wird und wahrhaftig Gott ist, und dass doch drei Personen in diesem einen göttlichen Wesen sind, alle drei gleich mächtig, gleich ewig: Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist. Alle drei sind ein göttliches Wesen, ewig, unteilbar, unendlich, von unermesslicher Macht, Weisheit und Güte, ein Schöpfer und Erhalter aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge. Unter dem Wort "Person" wird nicht ein Teil, nicht eine Eigenschaft an einem anderen Sein verstanden, sondern etwas, was in sich selbst besteht (selbständig ist), so wie die Kirchenväter in dieser Sache dieses Wort gebraucht haben. Deshalb werden alle Irrlehren verworfen, die diesem Artikel widersprechen.“

(http://www.velkd.de/theologie/augsburger-bekenntnis.php)


Ganz schön schwierig und hochgestochen. Wäre es besser gewesen wenn Melanchthon sich an das gehalten hätte, was er neun Jahre früher, in seinen „Grundbegriffen der Theologie“, die erste protestantische Dogmatik (1521), geschrieben hatte?:


6 Die Geheimnisse der Gottheit [aber] sollten wir lieber anbeten als sie zu erforschen. Ja, sie können nicht ohne große Gefahr untersucht werden, was nicht selten auch heilige Männer erfahren haben. Gott, der Höchste und Größte, hat den Sohn in Fleisch gehüllt, damit er uns von der Betrachtung seiner Majestät zur Betrachtung des Fleisches und so [zur Betrachtung] unserer Hinfälligkeit hinleite. 7 So schreibt auch Paulus an die Korinther, daß Gott durch die Torheit der Predigt, ohne Zweifel [also] auf eine neue Art und Weise erkannt werden wollte, da er nicht erkannt werden konnte in Weisheit durch Weisheit.

8 Daher besteht kein Grund warum wir [hier] viel Mühe auf jene höchsten Hauptthemen: Gott, die Einheit, die Dreieinigkeit Gottes, das Geheimnis der Schöpfung, die Art und Weise der Menschwerdung verwenden. 9 Ich frage dich, was haben schon in so vielen Jahrhunderten die scholastischen Theologien erreichen, als sie sich ausschließlich mit diesen Hauptthemen beschäftigten? Sind sie nicht in ihren Erörterungen, wie jener sagt, hohl geworden, weil sie das ganze Leben lang über Allgemeinbegriffe, Formalitäten, Anmerkungen und ich weiß nicht welche anderen nichtssagenden Worte schwatzten, die sie aufzeichneten. 10 Man hätte ihre Torheit unbeachtet lassen können, wenn uns nicht unterdessen jene dummen Erörterungen das Evangelium und die Wohltaten Christi verdunkelt hätten.“ (Melanchthon: Loci Communes 1521, S. 19+21)


Egal wie wir die Gottesfrage auch angehen wollen, wissenschaftlich-philosophisch oder aus tiefer inneren Betroffenheit heraus, wichtig ist, dass wir uns überhaupt auf Gott einlassen. Das dann aber so häufig wie möglich – wie tägliches Brot.


 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.