Predigt "Karfreitag" 02.04.2021

So wurde am 02. April 2021, Karfreitag, in Wettringen gepredigt; Predigttext: Johannes 19,16-30

 

Tagesgebet:

Ewiger Gott, du gibst deinen Sohn hin in die Not der Welt, in die Ratlosigkeit der Gläubigen, in die harten Hände derer, die sich für gerecht halten.

Öffne unsere Herzen für die Tat seiner Liebe, damit wir uns von ihr tragen lassen und im Leben und im Sterben an dir festhalten.

Das bitten wir dich, im Namen Jesu Christi, gekreuzigt, gestorben und begraben und doch nicht tot, sondern voller Leben.

Amen.

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

16 Pilatus überantwortete ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber,

17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.

18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden.

20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.

22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.

24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.

26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!

27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.

29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund.

30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.

 

Liebe Gemeinde!

Vollbracht – ein großes, ein feierliches Wort. Stolz liegt darin und Genugtuung über das Erreichte, aber auch die Erleichterung, dass manche Strapaze vorbei ist. Kinder rufen in einem solchen Moment: „Fertig!“, und strahlen dabei übers ganze Gesicht. Hier aber sagt einer: „Es ist vollbracht!“ Der, dem seiner Lebtage nichts wirklich gelungen ist, wie es scheint, sagt: „Es ist vollbracht!“

Keine mitreißende Massenbewegung, kein Triumph über seine Gegner, nicht die kleinste Rebellion gegen die römischen Besatzer. Vom ersehnten Messias konnte also wohl nicht die Rede sein. So jemand erntet höchstens Häme. Wer dagegen von seiner gewaltlosen Mission begeistert war, der steht fassungslos vor dem Scherbenhaufen der eigenen Träume.

Dieser kurze Prozess, dieser jähe Tod! Wie viel mehr hätte Jesus noch vollbringen können! Große Erwartungen hatte er geweckt; die drohen nun mit ihm am Kreuz zu sterben. Wer jetzt emporschaut, sieht in ihm nur einen Erniedrigten – und als blanken Hohn von Pilatus die Aufschrift „König der Juden“. Von wegen vollbracht!

 

Rund achtzig Jahre später. Ephesus, eine weltoffene römische Großstadt, ein Markt der Religionen und Weltanschauungen, nach Jerusalem das bedeutendste Zentrum des frühen Christentums. Noch ringen die Christen leidenschaftlich um die wahre Botschaft Jesu unter den verschiedenen mündlichen und schriftlichen Überlieferungen. Darin zeigt sich, wie ungemein lebendig und anziehend jener Gekreuzigte letztlich dann doch gewirkt hat.

 

Ein Gleichnis von ihm nahm das vorweg: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Johannes 12,24) In Ephesus jedenfalls kann man es erleben: Die Saat geht auf. Ja: „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Johannes 1,11) – aber jetzt erobert er die Herzen wildfremder Menschen. „Das Wort ward Fleisch“ – nun wohnt es und wird zu allen Zeiten unter denen wohnen, die seine Herrlichkeit sehen und sie noch in seinem Tod erkennen.

 

Christen sind keine Trauergemeinde. Da ist mehr als das ehrende Gedenken eines tragischen Helden. Da ist die Lust, ihm nachzufolgen. Da ist einer, der nicht müde wird, die Gläubigen darin zu bestärken: Johannes, ihr Gemeindeältester. Er kennt die gesamte urchristliche Überlieferung – die Paulusbriefe zum Beispiel und die drei ersten Evangelien – und verfügt über eigene frühe Quellen.

 

Doch die Zeiten haben sich geändert. Ephesus ist griechisch und nicht jüdisch geprägt. Er selbst ist ein Wanderer zwischen zwei Welten: von seiner Jugend in Jerusalem bis zur jetzigen Wahlheimat am Lebensabend. Beste Voraussetzungen, ein eigenes Evangelium zu entwerfen, um – wie schon Paulus – den Griechen ein Grieche zu sein.

 

So nimmt es nicht wunder, wenn Jesus bei Johannes an einen griechischen Gelehrten erinnert. Er doziert nicht – er bevorzugt das Gespräch. Und wenn es etwa von Sokrates heißt, seine Sprache sei schlicht und tiefsinnig in einem gewesen und sein Auftreten souverän, heiter und ernst zugleich – dann gilt das auch für Jesus im Zwist mit seinen Gegnern, ja selbst auf seinem Leidensweg und am Kreuz. Dieser Jesus schreit nicht  die Psalmworte „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – wie bei Markus und Matthäus.

 

Wer die Kreuzigung Jesu mit den Augen des Evangelisten Johannes betrachtet, findet sich in einem anderen Film wieder: meditative Bilder, kein aufdringlicher Ton, keine Hektik, vom spitzfindigen Geplänkel der Hohepriester mit Pilatus wegen der Kreuzaufschrift einmal abgesehen. Soldaten, die tun, was sie tun müssen. Ein paar Zuschauer. Und vielleicht eine Handvoll Freunde und Angehörige in stiller Trauer. Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse; jedenfalls keine Finsternis über dem ganzen Land und kein Zerreißen des Vorhangs im Tempel. Johannes braucht kein apokalyptisches Schauspiel, um Jesu Bedeutung zu unterstreichen. Und Jesus schweigt – bis auf sein „Mich dürstet!“ und die drei kurzen Worte am Schluss.

 

Besonders das Erste hat es in sich. Im Film würde die Kamera jetzt an Jesus und seine Mutter und den Jünger heranzoomen. Ein vertraulicher Moment: Was noch zu sagen ist, geht nur die drei etwas an. Der sterbende Sohn führt seine trauernde Mutter und seinen besten Freund zusammen, dass beide sich gegenseitig trösten und stützen. In seinem letzten Willen vertraut er darauf, dass seine Mutter beim Lieblingsjünger gut aufgehoben ist.

 

Dieser Jünger ist eine symbolische Figur. Mit ihr trägt Johannes sich selbst in die Kreuzigungsgeschichte ein. Das ist natürlich nicht historisch, aber zutiefst wahrhaftig. Wie Paulus war er kein Weggefährte Jesu. Aber so, wie dieser sich dennoch Apostel nannte, ist er nun der Lieblingsjünger. Einer, der seinen Meister nie gesehen hat und doch zum Glauben kam. Jesus im Geist innig verbunden, lässt er sich von ihm in die Pflicht nehmen: „Siehe, das ist deine Mutter!“ Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. In seiner christlichen Gemeinde, die sich aus Juden wie Heiden bildet, bewahrt er den Heidenchristen gegenüber sein jüdisches Erbe. Und bei den Judenchristen wirbt er darum, dieses Vermächtnis ganz und gar mit den Augen Jesu zu sehen. „… damit sie alle eins seien.“. Diese inständige Fürbitte aus Jesu letztem Gebet vor der Gefangennahme hat Johannes zur Devise für seine kirchliche Arbeit gemacht.

 

Wer als Christ Jesu letzten Willen bedenkt, hat allen Grund zur Klage über die eigene Tradition. Über die Zerwürfnisse der Christen untereinander, schon in den Anfängen. Und über weit Schlimmeres noch: den Hass, der sich in das Verhältnis von Christen und Juden einnisten konnte, für Jahrhunderte bis zum Holocaust. Eine einladende, keine eifernde Kirche hatte Johannes gepredigt. War er zu blauäugig gewesen?

 

Als seine Schüler nicht lange nach seinem Tod das Evangelium herausgeben, ist der Bruch zwischen Synagoge und Kirche bereits vollzogen. Jetzt erscheinen die Juden pauschal als Feinde Jesu, als Drahtzieher bei seiner Verfolgung und Hinrichtung. Bis es später dann heißt: „Die haben unseren Heiland umgebracht.“ Ein Satz mit der Wirkung eines Schlachtrufes für unzählige Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

 

Als am Ende des Nazi-Regimes nach und nach das kirchliche Versagen während des Völkermords an den Juden zutage tritt, ringt sich die evangelische Kirche – immerhin und Gott sei Dank – ein „Wort zur Judenfrage“ ab: „Wir sprechen aus, dass wir durch Unterlassen und Schweigen … mitschuldig geworden sind an dem Frevel, der … an den Juden begangen worden ist.“ Und weiter: „Wir bitten alle Christen, sich von jedem Antisemitismus loszusagen, und ihm, wo er sich neu regt, mit Ernst zu widerstehen …“

Schon wieder mehr als 70 Jahre her und doch so aktuell.

Jesus sagt: „Es ist vollbracht.“ So ist es auch. Sein Wort ist in der Welt. Dank treuer Jünger und Botschafter sogar schwarz auf weiß. Für Christen ist es Gottes Wort; genauer gesagt: Gottes Offenbarung. Ob es Gottes endgültige Offenbarung ist? Wer weiß? Der Lieblingsjünger entfaltet diese Offenbarung in seinem Evangelium als Botschaft des Friedens, der Liebe und der Freiheit. Ein Verfallsdatum kennt es nicht. Es birgt mannigfaltige Chancen auf ein menschenwürdiges Leben; die warten nur darauf, ergriffen zu werden. Jesus hat das Seine getan. Seit seinem Tod ist der Mensch am Zug.

 

Jeder Christ, jede Christin für sich. Manche scheuen das Engagement angesichts der Probleme überall, wohin man schaut. „Ich bin doch kein Übermensch!“ Das war Jesus auch nicht. Aber wie er hat jeder Mensch das Zeug zum Mitmenschen. „Die Kirche verliert ihren Einfluss.“ Zurückgewinnen kann sie ihn nur, wenn sie sich von falschen Traditionen trennt. Doch soll sie diesen ehemaligen Einfluss wirklich wiederbekommen? Denn sooft sie den Verlockungen von Macht oder gar Gewalt erlag, wurden das ihre Sündenfälle.

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, sagte Jesus in seinem Verhör zu Pilatus – der für Feinsinnigkeit keine Antenne hatte. Schließlich wurde ihm der Mann vom Jerusalemer Establishment als Rebell gegen Rom präsentiert. Da blieb nur die Kreuzigung. Der Römer ging als unrühmliche Randnotiz in die Geschichte, ja sogar als Warnung und Mahnung ins Glaubensbekenntnis ein. Der hingerichtete Jude dagegen erwies sich selber als das Weizenkorn aus seinem Gleichnis. Das ist eine große Ermutigung und lässt hoffen: Solange es menschliches Leben auf der Erde gibt, wird die Saat überall und jederzeit aufgehen. Ja, es ist vollbracht – und ja, es ist noch viel zu tun.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.   Amen.

 

L: Fürbittengebet

 

Gott, wir sind unter deinem Kreuz und wollen es aushalten: Die Zeit der Leere. Die Zeit des Todes. Wir sind gemeinsam unter dem Kreuz, wir danken dir für diese Gemeinschaft und wir vergessen einander nicht, weil du willst, dass wir in Gemeinschaft leben.

 

Deshalb bitten wir dich:

Bleibe bei allen, die leiden und sterben müssen, weil sie sich zu dir und deinem Sohn bekennen.

 

Bleibe bei allen, denen es schwer fällt, sich zu versöhnen und auf andere zuzugehen.

 

Bleibe bei allen, die krank sind an Leib oder Seele, die verzweifelt sind und ohne Hoffnung.

 

Bleibe bei allen, die versuchen, das Leid in der Welt zu lindern.

 

Bleibe bei den Sterbenden und bei denen, die sie begleiten und um sie trauern.

Bleibe du bei uns und hilf uns denen beizustehen, an die du uns gewiesen hast.

 

Gott, im Kreuz deines Sohnes breitest du die Arme aus, um uns zu umarmen.

 

Das bitten wir dich, im Namen Jesu Christi, gekreuzigt, gestorben und begraben und doch nicht tot, sondern voller Leben von Ewigkeit zu Ewigkeit.                                

Amen.