Predigt Ostersonntag 04.04.2021

So wurde am 04. April 2021, Ostersonntag, in Neuenkirchen gepredigt; Predigttext: 1. Kor 15,1-11

Prediger: Pfarrer Dietrich Wulf

 

Tagesgebet

Lasset uns beten:

Durch deinen Tod und deine Auferstehung hast du uns, rettender Gott, den Weg bereitet. Du hast uns gezeigt, was uns erwartet. Du hast uns gezeigt, dass du uns erwartest. Und doch fühlen wir uns oft ungeliebt und allein. Du ziehst uns zu dir empor. Du öffnest das Grab der Finsternis und Schuld und umarmst uns wie verlorene Kinder. Nimm an unser armes Lob und unseren kleinen Dank.

Wir beten zu die allmächtiger Gott, im Namen deines auferstanden Sohnes Jesus Christus, durch deinen Heiligen Geist, in Zeit und Ewigkeit.

Amen.

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.        Amen.

 

Liebe Gemeinde!

Bei der Vorbereitung des heutigen Ostergottesdienstes bin ich auf eine Geschichte gestoßen, die eine gute Möglichkeit darstellt, das Osterereignis verstehen zu lernen. Es geht um die Frage: Auferstehung, wie soll ich das verstehen? Diese Geschichte möchte ich Ihnen nun nicht vorenthalten. Dazu werden wir eingeladen, uns folgende Situation vorzustellen:

Ein Gerichtssaal, irgendwo, irgendwann.  Eine Richterbank mit mehreren Beisitzern, ein vollbesetztes Publikum. Auf der Anklagebank: "Die Auferstehung" - angeklagt wegen Hochstapelei, konkret wegen der Behauptung ihrer Existenz, die vom Ankläger bestritten wird.

In den letzten Tagen sind die Zeugen der Anklage vernommen worden. Darunter die zwei Drittel der Deutschen, die nicht an eine Auferstehung der Toten glauben. Bei ihrer Einvernahme kam es zum ersten Mal zu Unruhe innerhalb des Publikums, als bei geschickter Nachfrage des eloquent auftretenden Staatsanwalts zutage trat, dass ein großer Teil dieser Zeugen selber Mitglieder gerade der beiden großen Kirchen sind, die sich in der Vergangenheit immer wieder schützend vor die Angeklagte gestellt hatten.

Auch den Auftritt einiger Naturwissenschaftler, die die Nichtexistenz der Auferstehung nachweisen konnten und den Erfolg der "Hochstapelei" auf die Angst der Menschen vor dem Tod zurückführten, konnte die Anklage als Pluspunkte verbuchen.     

Am letzten Tag rief der Ankläger seinen Kronzeugen in den Zeugenstand, "den gesunden Menschenverstand". Nach seinen Ausführungen, dass noch niemand aus dem Tod zurückgekehrt sei, dass tot eben tot sei und dass die Welt doch anders, besser, liebevoller und friedlicher sein müsste, wenn es die Auferstehung wirklich gäbe, waren die Gerichtsbeobachter einhellig der Meinung, dass der Prozess entschieden und eine Verurteilung nur noch eine Formalität sei - bevor die Verteidigung auch nur einmal das Wort ergriffen hat.

Eine Verteidigung übrigens, die bisher einen erschreckend lethargischen Eindruck gemacht und die Verhöre des Staatsanwalts mit keinerlei Einsprüchen gestört hatte. Taktik, Unvermögen oder Einsicht in die Ausweglosigkeit der Verteidigung? - das muss der heutigen Tag zeigen, an dem die Verteidigung in das Prozessgeschehen eingreift.

Zu Beginn der heutigen Sitzung fordert der Richter den Verteidiger auf, seine Augenzeugen zu benennen, doch der Verteidiger muss passen, mit Augenzeugen kann er nicht dienen. "Wie ist das möglich?", wendet der Richter ein - etwas fassungslos aufgrund der schwachen Position der Verteidigung, aber auch weil der Verteidiger, ein gewisser Paulus von Tarsus, das Fehlen der Augenzeugen eingesteht.

"Wie ist das möglich? Neben der Geburt Jesu ist die Auferstehung Christi das wohl am meisten künstlerisch dargestellte Ereignis der Weltgeschichte. Wie kann es da keine Augenzeugen geben?"

"Das liegt daran", antwortet der Verteidiger, "dass das Geschehen der Osternacht den Augen der Menschen verborgen geblieben ist. Auch in keinem der Evangelien finden wir einen Augenzeugenbericht von dem, was bei der Auferstehung wirklich geschah. Als die Frauen und die Jünger zum Grab kommen, ist das Wesentliche bereits geschehen. Aber", ruft der Verteidiger in den beginnenden Tumult des Publikums hinein, "Aber ich habe hier einige verlässliche Aussagen, die ich dem hohen Gericht vorlesen möchte, sie stehen im 1. Brief an die Korinther, im 15. Kapitel, und lautet:

 

3 Ich habe an euch weitergegeben, was ich selbst als Überlieferung empfangen habe, nämlich als Erstes und Grundlegendes:

Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es in den Heiligen Schriften vorausgesagt war,

4 und er wurde begraben.

Er ist am dritten Tag vom Tod auferweckt worden, wie es in den Heiligen Schriften vorausgesagt war,

5 und hat sich Petrus gezeigt, danach dem ganzen Kreis der Zwölf.

6 Später sahen ihn über fünfhundert Brüder auf einmal; einige sind inzwischen gestorben, aber die meisten leben noch.

7 Dann erschien er Jakobus und schließlich allen Aposteln. (1. Korinther 15,3-7)

 

"Einspruch!" Der Ankläger ist aufgesprungen, "wir kennen diese Menschen nicht, wir wissen nichts über ihren Ruf!" –

"Aber", erwidert der Verteidiger, bevor der Richter zu dem Einspruch Stellung beziehen kann, "ich kann Ihnen etwas über diese Menschen erzählen: Petrus, Jakobus und die anderen Jünger waren einfache Menschen, größtenteils Fischer, bis ihnen Jesus begegnete. Sie folgten ihm, weil sie von ihm und seiner Botschaft überzeugt waren, weil sie in ihm den Sohn Gottes erkannt hatten ..." –

"Das wissen wir alles, bitte kommen Sie zur Sache", unterbricht ihn der Richter.

"Als Jesus am Kreuz gestorben ist", fährt Paulus fort, "waren die Jünger am Boden zerstört, ihr Traum war geplatzt, ihre Hoffnungen zerstört. Doch dann erschien ihnen der Auferstandene. Ich weiß, Sie bestreiten das, doch schauen Sie auf das, was dann geschah. Diese einfachen Menschen standen auf einmal auf und verkündeten den Glauben an den Auferstandenen. In Israel und über Israel hinaus bis nach Rom.

Sie, Herr Ankläger, wollen uns doch wohl nicht einreden, dass diese einfachen Menschen für etwas, das sie sich wider besseren Wissens eingeredet haben, ins Gefängnis gingen, das Leben riskierten und auch verloren? Ihr Lebenszeugnis ist Grund genug, die hier angeklagte Auferstehung vom Vorwurf der Hochstapelei freizusprechen.

Doch jetzt möchte ich meinen wichtigsten Zeugen, meinen Kronzeugen aufrufen - mich selbst:

 

8 Ganz zuletzt ist er auch mir erschienen, der sogenannten »Fehlgeburt«.

9 Ich bin der geringste unter den Aposteln, ich verdiene es überhaupt nicht, Apostel zu sein; denn ich habe die Gemeinde Gottes verfolgt.

10 Aber durch Gottes Gnade bin ich es dennoch geworden, und sein gnädiges Eingreifen ist nicht vergeblich gewesen. Ich habe viel mehr für die Gute Nachricht, für die Verbreitung des Evangeliums gearbeitet als alle anderen Apostel. Doch nicht mir habe ich das zuzuschreiben – die Gnade Gottes hat durch mich gewirkt. (1. Korinther 15,8-10)

 

Und der Verteidiger fährt fort: "Wenn Sie schon denen nicht glauben können, die mit Jesus durch Israel gezogen sind, dann glauben Sie wenigstens mir. Ich bin frei von jeder Schwärmerei. Ich habe die Gesetze meines Volkes, die Tora, studiert, und weil die Christen mit der Verkündigung der Auferstehung gegen diese Gesetze verstoßen haben, habe ich sie verfolgt.

Um Christen habhaft zu werden, war ich auch auf dem Weg nach Damaskus, als mir der Auferstandene begegnet ist. Ich war ein nüchterner Mensch, ich bin philosophisch geschult; glauben Sie, Herr Richter, liebe Beisitzer und auch Sie, Herr Ankläger, allen Ernstes, ich hätte mein Leben komplett geändert, alle Sicherheiten aufgegeben, wäre ins Gefängnis gegangen und mit dem Tod bedroht worden, weil ich mir etwas eingebildet habe?"

 

Die Aussagen des Verteidigers sind nicht ohne Eindruck geblieben. Da der Verteidiger keine weiteren Zeugen aufrufen möchte, ordnet der Richter eine kleine Pause an, um dann mit den Schlussplädoyers fortzufahren.

 

Liebe Gemeinde, das Gericht macht Pause. Wir sollten das auch machen. Wir hören in dieser Zeit zwei Strophen aus dem Lied 116(1+2): Er ist erstanden, Halleluja!

 

Achtung! Es geht weiter im Gerichtssaal.

 

Das Plädoyer des Anklägers wiederholte noch einmal die vorgebrachten Fakten - ein wenig kraftlos, vielleicht aus Siegesgewissheit oder auch Gleichgültigkeit. Gespannt ist das Publikum auf die Worte des Verteidigers, der nun sein Schlusswort spricht:

"Der Glaube an das Ostergeschehen, an die Auferstehung Christi fällt vielen Menschen schwer und daher wollen sie die Auferstehung hier jetzt verurteilt sehen. Das kann die Verteidigung nicht einfach akzeptieren. An Ostern zu glauben, verlangt eine Entscheidung. Um es überspitzt zu sagen: Wir müssen uns im Glauben dazu durchringen, an Ostern zu glauben und es zu feiern. Die Situation ist nicht neu: Schon die Frauen am Grab, die Apostel und die Emmausjünger standen vor dieser Entscheidung: Kann es wahr sein, dass Jesus von den Toten auferstanden ist?

Der Glaube an die Auferstehung ist ein Weg. Auf diesen Weg zum Glauben legen wir uns selber viele Steine. Viele Steine sind nur kleine Kiesel, die sich aber in unserer Anschauung zu gewaltigen Felsbrocken auswachsen: die Sorge um unser Ansehen, was andere Menschen von uns denken könnten, die Angst zu kurz zu kommen. Je wichtiger wir uns selbst nehmen, desto größer werden die Steine, die uns den Weg zur Auferstehung versperren. Diese Steine kann man einfach aus dem Weg räumen: Wenn ich mich selbst nicht mehr zum Maß aller Dinge mache, dann schrumpfen diese Steine auf ihr Normalmaß zurück, sodass ich mühelos über sie hinwegsteigen kann.

Und dann liegen auf dem Weg zur Auferstehung Steine, das sind wirklich gewaltige Brocken: eine Krankheit, die Sorge um den Arbeitsplatz, die Ehe, die droht, auseinanderzubrechen. Diese Steine kann ich nicht einfach aus eigener Kraft aus dem Weg räumen. Wir haben Gott vergessen, deshalb fürchten wir uns nun vor dem, was kommt und geschieht.

Versuchen wir, Gott nicht so klein zu denken. Machen wir ihn klein, wachsen uns die Steine auf dem Weg über den Kopf. Trauen wir ihm aber viel zu, dann werden wir auch die Kraft empfangen, große Felsbrocken zu überwinden. Es stimmt: Es gibt keine Beweise für die Auferstehung, gefordert ist unser Glaube, unsere Entscheidung, unser Ja. Doch in unserem Glauben wird sie wahr, wird sie lebendig für unser Leben. Durch uns bleibt die Auferstehung lebendig."

 

Liebe Gemeinde!

Soweit diese Gerichtsverhandlung.

Nun erwarten Sie sicher die Urteilsverkündigung. Doch ich muss Ihnen gestehen, dass ich am Beginn der Predigt ein wenig unpräzise gewesen bin. Diese Gerichtsverhandlung fand nicht irgendwann und irgendwo statt, sondern findet hier und heute, jetzt gerade statt. Eine Gruppe der Prozessteilnehmer ist bis jetzt nicht in Erscheinung getreten, die beisitzenden Richter - denn das sind Sie, das sind wir alle.

Wie werden wir uns entscheiden? Denn wir müssen  entscheiden, wie wir auf die Auferstehung Christi reagieren wollen. Wir brauchen ein Urteil. Und ich glaube nicht, dass sich die Verteidigung mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen zufrieden geben wird. Dann geht Paulus in die Berufung, und spätestens in einem Jahr - wahrscheinlich viel früher, vielleicht schon am nächsten Sonntag oder wenn die Frage der Auferstehung für unser Leben in einem bestimmten Moment wichtig wird, sitzen wir wieder zu Gericht.

Sie können natürlich jede Verantwortung von sich weisen: "Auferstehung - das ist eine Angelegenheit der Theologen und der Kirche – unsers Pfarrers – sollen die sich, soll der sich damit auseinandersetzen."

Sie können die Möglichkeit der Auferstehung Christi auch einfach ignorieren, um einer Entscheidung auszuweichen. Oder Sie lassen sich in Ihrer Festtagsruhe erst garnicht stören. Der Braten wird Ihnen heute Mittag schmecken, die Kinder haben Ihre Freude bei der Eiersuche und frei haben Sie am morgigen Ostermontag auch - egal, ob Sie an die Auferstehung glauben oder nicht.

Doch Sie können auch Ja sagen zur Auferstehung. Niemand erwartet von Ihnen einen unverrückbaren Glauben, der frei ist von jedem Zweifel, und wenn Ihnen in diesem Jahr nicht nach Osterfreude zumute ist - na auch gut.

Aber Sie können sich einlassen auf die Auferstehung Christi. Sie können offen sein für die Möglichkeit, dass das Ostergeschehen stattgefunden hat. Vielleicht ist die Auferstehung Christi für Sie dann mehr als Beiwerk am Osterfest, vielleicht ein neuer Anfang, der auch ein Neubeginn in Ihrem Leben sein kann.

            Auferstehung ist eine Glaubensangelegenheit. Aber eine, die mein Leben ganz entscheidend prägen kann: Glaube ich an die Auferstehung Jesu – wie immer das im Einzelnen auch war – , dann glaube ich auch an meine Auferstehung – wie immer die auch sein wird.

            Auferstehung heißt nicht – weiterleben wie bisher, weiterleben wie vorher. Auferstehung heißt – anders leben, neu leben, verwandelt leben. Auferstehung heißt: Gott verwandelt mich, verändert mich, schenkt mir neues Leben – über den Tod hinaus.

 

Darauf will ich nicht verzichten.

Jetzt nicht – und in Ewigkeit auch nicht!

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.                                                  Amen.

 

 

Fürbittengebet

Lasset uns beten:

Gott, der du die Toten ins Leben rufst, an diesem Tag voller Freude und Fröhlichkeit vergisst du auch die nicht, deren Herz gefangen und schwer ist.

 

Dir und deiner Liebe befehlen wir die besonders an, die die Gottesdienste dieser Tage voller Sorge und Angst feiern müssen, weil sie bedrängt und verfolgt werden: Stärke ihnen den Rücken.

 

Wir befehlen dir die Menschen in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt an:

Zeige uns Wege, diesen Menschen zur Seite zu stehen.

 

Wir befehlen dir die Männer, Frauen und Kinder an, die vor Hunger, Angst und Gewalt nicht in den Schlaf kommen:

Schenke ihnen liebende und helfende Hände.

 

Wir befehlen dir Mächtige und Ohnmächtige an, die Wege des Friedens suchen:

Lass sie Wege und Worte der Verständigung finden.

 

Wir befehlen dir die Menschen an, die gefoltert, geschlagen, versklavt und vergewaltigt werden:

Lass uns mutig Unrecht Unrecht nennen und dafür einstehen.

 

Die Botschaft von der Auferstehung lass fröhliches Zeugnis werden, dass sie leuchten möge in dieser Welt.

 

Jetzt und in Ewigkeit. Amen.