Predigt Sonntag "Kantate" (02.05.2021)

So wäre am 02. Mai 2021, am Sonntag Kantate, in Neuenkirchen gepredigt worden; Predigttext: Lukas 19,37-40

Prediger: Pfarrer Dietrich Wulf

 

Eingang:

 

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Der Wochenspruch aus Psalm 98,1 hat diesem Sonntag seinen Namen gegeben: Singet! Kantate! Auch wenn es uns manchmal schwer möglich ist zu singen, wie zur Zeit bei Corona. Doch gerade im Singen, im Schreien und im Loben bringen wir unseren Glauben zum Ausdruck. Wir bringen vor Gott, was uns das Leben schwer macht und loben ihn für die Wunder, die er an uns tut. So feiern wir diesen Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

 

Tagesgebet:

 

Lasset uns beten:

Herr Jesus Christus, du bist gekommen, um Frieden auf Erden zu bringen. So komm zu uns auch in diesem Gottesdienst: Öffne unsere Ohren, dass wir dein Wort hören und die Sorgen unserer Mitmenschen nicht überhören; öffne unsere Augen, dass wir deine Wunder sehen und die Not nicht übersehen, die uns begegnet; öffne unseren Mund zu Klage und Lob, dass wir dich anrufen in der Kraft des Heiligen Geistes, jetzt in der Zeit für alle Ewigkeit. Amen.

 

Predigt:

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.                  Amen.

 

Liebe Gemeinde!

1

„Am meisten hat mir gefehlt, dass wir in der Kirche nicht singen konnten.“ So habe ich es in der zurückliegenden Zeit von manchen gehört. Als es im letzten Jahr begonnen hatte mit der Corona-Pandemie, durften ja zunächst gar keine Gottesdienste stattfinden. Dann gab es unterschiedliche Lockerungen, aber nur unter bestimmten Bedingungen: das Einhalten des Mindestabstands, das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes und eben auch: kein lautes Singen von Liedern wegen der Aerosole. Unter solchen Bedingungen Gottesdienst zu feiern, fand ich anfangs befremdlich. Nicht singen zu können hat viele sehr unzufrieden gelassen.

 

Lieder sind weit mehr als schmückendes Beiwerk im Gottesdienst, sie sind ein grundlegender Ausdruck unseres christlichen Glaubens. Das kann man spüren, wenn man einmal nicht mehr singen darf. Im Singen bekommt unser Glaube sichtbare Gestalt, so wie sonst nur im Beten und im Tun. Das Singen kann uns befreien und ermutigen, wir können uns an Gott wenden und das Gotteslob laut werden lassen.

 

2

So ist es ja schon in der Weihnachtsgeschichte, wie Lukas sie erzählt. Da erscheinen die Engel bei den Hirten auf dem Felde, und sie preisen und loben Gott: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas 2,14) Lukas erzählt, wie die Hirten zum Stall liefen und allen erzählten, dass der Engel gesagt hatte: Euch ist heute der Heiland geboren. Danach, als sie wieder zurückgingen zu ihren Feldern, stimmten sie ein in den Gesang der Engel. So erzählt es Lukas: Sie „priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.“

 

Später haben die Jünger Jesu an diesen Lobgesang der Weihnachtsgeschichte angeknüpft. So erzählt es Lukas in seinem Evangelium. Als Jesus mit seinen Jüngern in Jerusalem einzog, auf einem Esel reitend, haben die Jünger laut gesungen. Davon lesen wir bei Lukas im 19. Kapitel, die Verse 37-40, dem Evangelium für den heutigen Sonntag:

 

37 Als Jesus nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten,

38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

39 Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht!

40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. 

3

Erst waren es die Hirten, jetzt sind es die Jünger, die Gott loben für alle Taten, die sie gesehen hatten. Wie die Geburt Jesu die Welt verändert hatte, so tun das jetzt seine Worte und Taten, sein Einzug in Jerusalem. Anders als die Engel singen die Jünger aber nicht vom Frieden auf Erden; sie preisen den erwarteten Frieden im Himmel und die kommende Herrlichkeit. Doch für die Mächtigen in Jerusalem ist dieser Gesang gefährlich. „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn“, singen die Jünger mit lauter Stimme, und das stellt die religiöse und politische Macht in Frage. Damals wie heute. Die Hoffnung auf Gottes Reich ist damals und heute gefährlich für die weltlichen Machthaber.

 

So entspinnt sich ein Wortwechsel. Eine kleine Szene, in der die Kraft des Singens erkennbar wird. Als Wächter der religiösen Ordnung nennt Lukas die Pharisäer. Sie sprechen Jesus als einen der ihren an: „Meister, weise doch deine Jünger zurecht!“ Das lautstarke Gotteslob ist für sie nicht in Ordnung, weil es die hergebrachte Ordnung in- frage stellt. Doch Jesus ist der Überzeugung: Die Wahrheit des kommenden Friedens lässt sich nicht zum Schweigen bringen. So antwortet er: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“

 

4

Steine schreien? Das Wort Jesu klingt zunächst sehr rätselhaft. Es wird aber verständlicher, wenn man im Lukasevangelium weiterliest. Da erzählt Lukas nämlich, wie Jesus über die Stadt Jerusalem weint, weil er die kommende Zerstörung voraussieht: „Sie werden dich, Jerusalem, dem Erdboden gleichmachen“, sagt Jesus, „und keinen Stein auf dem andern lassen in dir.“ (Lukas 19,44).

 

So schreien die Steine, sie ächzen und wehklagen unter der Zerstörung. Und sie schreien damit hinaus, wie Jerusalem den kommenden Frieden verpasst hat. Unter Tränen sagt Jesus bei Lukas: Wenn du, Jerusalem, doch „erkenntest an diesem Tag, was zum Frieden dient!“ (Lukas 19,42) Von der Hoffnung auf den künftigen Frieden singen beide: die Jünger in ihrem Lobgesang und die Steine in ihrem stummen Schrei.

 

So schreien Steine bis heute und mahnen zum Frieden. Die Reste des Tempels in Jerusalem sind bis heute für die Juden der Ort der Klage und zugleich der Ort der Hoffnung auf Gottes Rettung. In unserem Land sind manche Ruinen des Krieges nicht beseitigt worden. Die Steine schreien auch nach mehr als 75 Jahren: Sie erinnern an die Opfer von Gewalt und Krieg, und sie mahnen zum Frieden.

 

Die stummen Schreie der Steine können so stark sein, dass sie bis heute Machthabern Angst machen. Als die Organisation „Islamischer Staat“ vor einigen Jahren weite Gebiete Syriens und des Iraks erobert hatte, wurden unter anderem die Ruinen alter Kulturdenkmäler zerstört. Offenbar war die Botschaft der Steine sehr bedrohlich. Doch ihr Schreien lässt sich nicht unterdrücken.

 

5

Es sind ja nicht nur die Steine, die schreien. Wenn Menschen zum Schweigen gebracht werden, dann kann die Erde schreien. So wie es am Anfang der Bibel erzählt wird, als Kain seinen Bruder Abel erschlagen hatte. Da spricht Gott zu Kain: „Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“ (1. Mose 4,10) Doch die Erde schreit nicht nur das Unrecht und die Klage hinaus. Sie ist auch voll des Gotteslobes. Die ganze Schöpfung erzählt von der Herrlichkeit Gottes, wie in den Psalmen besungen wird: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt´s dem andern, und eine Nacht tut´s kund der andern, ohne Sprache und ohne Worte, unhörbar ist ihre Stimme“ (Psalm 19,2-4).

 

Wie die stummen Schreie der Steine ist auch der Lobgesang der Kreatur ohne den Klang einer Stimme. Dennoch kann man beides wahrnehmen, die Mahnung und den Lobpreis – in der Zerstörung und in der Schönheit der Natur.

 

6

Beides soll im Singen zur Sprache kommen. In Jerusalem singen die Jünger vom himmlischen Frieden, während die Steine vom Unfrieden auf der Erde schreien. Beides gehört zusammen. Wer nur von der Herrlichkeit Gottes singt, verliert die Bodenhaftung. Vom künftigen Frieden in Gottes Reich lässt sich glaubwürdig nur singen, wenn auch der Unfriede der Welt zur Sprache kommt. Und umgekehrt: Wer nur das Unrecht unserer Zeit herausschreit, verliert den Glauben an eine bessere Welt. Damit uns nicht die Luft ausgeht, brauchen wir im Kampf gegen Unfrieden und Gewalt die Kraft der Hoffnung.

 

Wie beides zusammengehört, schreibt der Theologe Dietrich Bonhoeffer so: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts bildete Bonhoeffer künftige Pastoren der Bekennenden Kirche in Pommern aus. Es war die Zeit des Nationalsozialismus, eine Zeit immer schlimmerer Judenverfolgung. Viele Christen sahen weg, auch in der Bekennenden Kirche gab es nicht viele, die sich für die Juden einsetzten. Bonhoeffer gehörte zu den wenigen, der die Bedrohung der Juden immer wieder angesprochen hat. So wichtig es ihm im gemeinsamen Leben mit den Vikaren war, die alten Tagzeitengebete zu singen, so lag ihm auch das Schicksal der Juden am Herzen. Darum ermahnte er die Theologen immer wieder: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ Der Schrei aus der Tiefe und der Lobgesang in den höchsten Tönen gehören zusammen.

 

7

Kantate, Singt!, heißt der heutige Sonntag. Das Singen wird zum Ausdruck gelebten Glaubens, wenn beides zusammenkommt: Dass wir nicht nur die schönen Lieder singen, in denen wir Gottes Herrlichkeit preisen, sondern auch das Unrecht herausschreien, das wir erleben. Wenn wir von dem Frieden singen, den Christus uns gebracht hat, dann gehört dazu, dass wir auch sehen, wie viel Unfrieden es in der Welt gibt, wie Menschen leiden unter den Folgen von Krieg und Verfolgung. Auch in unserer Gemeinde gibt es Menschen, die unter Hass und Gewalt leiden. Oft sind sie sprachlos geworden – mit unserem Schreien können wir für sie einstehen.

 

Wenn wir in der Osterzeit davon singen, wie Gott neues Leben schenkt und uns frei atmen lässt, dann gehört dazu, dass wir einstimmen in die Rufe der amerikanischen Bewegung gegen Rassismus: „I can´t breathe!“ – ich kann nicht atmen. Das hatte George Floyd im Mai letzten Jahres mehrfach gerufen, bevor er von Polizisten zum Schweigen gebracht wurde. Nicht die Steine, sondern Millionen von Menschen weltweit schreien das Unrecht heraus.

 

Wenn wir jetzt im Frühling Gottes wunderbare Schöpfung besingen, gehört dazu, dass wir dem Seufzen der Kreatur Sprache verleihen. Die Pflanzen und Tiere, die unter dem Klimawandel leiden, können sich nicht äußern. Doch wir können mit Wort und Tat eintreten für die Schöpfung und das Lebensrecht der Natur.

 

8

Bevor nur noch die Steine schreien, können wir unsere Stimme erheben. In der Gemeinde können wir uns so gegenseitig stärken. So heißt es in der Epistel, der Brieflesung des heutigen Sonntags: „Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“ (Kolosser 3,16)

 

Selbst wenn wir im Gottesdienst nicht laut singen können, können wir so einstimmen in das Singen der Jünger, in das Schreien und Preisen der ganzen Schöpfung: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Erde verändert ihr altes Gesicht. Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Erde lebt auf und wird licht.“

(Freitöne Liederbuch, Nr. 90)

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.                                                            Amen.

 

 

Fürbittengebet:

 

Lasset uns beten:

Gott, du Herr des Lebens, dich preisen wir mit unseren Liedern; doch wir schreien auch wegen des Unrechts, das in der Welt geschieht. Mit unseren Klagen und Bitten kommen wir zu dir:

 

Wir beklagen die Friedlosigkeit, die an so vielen Orten der Erde herrscht, und bitten für alle Frauen, Männer und Kinder, die an den Folgen von Hass leiden, wir bitten für die Menschen, die auf der Flucht sind und für die, die bei uns in Frieden leben wollen.

Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns.

 

Wir schreien zu dir wegen des Unrechts, das uns in der Nähe und in der Ferne begegnet, und wir bitten dich für alle Menschen, denen die Freiheit zum Atmen fehlt und für die, die unterdrückt und benachteiligt werden, wir bitten für die Kinder, die Opfer von Gewalt und Missbrauch werden.

Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns.

Wir bringen vor dich das Leiden deiner Schöpfung, wir beklagen das Aussterben von Tierarten und die Massentierhaltung; wir sorgen uns um das Klima auf der Erde und die Verwüstung von Lebensräumen, wir bitten dich für die belebte und unbelebte Natur.

Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns.

 

So oft vergessen wir beides: wir schreien nicht vom Unrecht, das wir sehen, und wir singen nicht von der Hoffnung, die wir haben.

Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns.

 

Wir bitten dich für uns alle:

Gib uns den Mut und die Freude, dir das Lob zu singen.

 

Das bitten wir, durch Jesus Christus, unseren Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schafft, jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.