Predigt Sonntag "Lätare" (14.03.2021)

So wurde am 14. März 2021, Sonntag Lätare, in Wettringen gepredigt; Predigttext: Johannes 12,20-26

 

Tagesgebet:

Allmächtiger, Leben schaffender Gott, was für uns das Ende scheint, ist für dich ein neuer Anfang. Du lässt uns nicht im Tod, du errettest uns. Du nährst uns, unseren Leib, unseren Geist, unsere Seele. Du hast diese Welt geliebt, so sehr, dass du deinen eingeborenen Sohn gabst, uns zum Heil. Schenke uns Freude an dir und deinen Werken, neue Freude an dieser, deiner Welt. Das bitten wir, durch Jesus Christus, unseren Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schafft, jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.      Amen.

                                                                                            

Liebe Gemeinde!

   Endlich wieder richtiger Gottesdienst!!! – Na ja – so ganz richtig ja noch nicht. Kein Gesang – keine Nähe – kein Abendmahl. CORONA hat uns immer noch im Griff. Aber immerhin doch dies – Gottesdienst-live.

   Worüber predigt man nun aber nach einer  so langer Zeit ohne Präsenz-Gottesdienst? Über die Verluste, die dadurch und durch CORONA allgemein entstanden sind? Über die Freude, die jetzt im Gottesdienst neu erlebt werden kann? Über die Notwendigkeit, dass nun bald auch das übrige Gemeindeleben wieder aufgebaut werden muss? – der Konfirmanden-Unterricht, die Gruppen, der Chor? Darüber, das auch Besuche bald wieder möglich sein sollten, zum Geburtstag, im Altenheim, im Krankenhaus? Allerdings erst, wenn der Pfarrer und seine Frau beide zweimal geimpft sind? Viele gute Möglichkeiten und Ideen – und Sie haben sicherlich noch mehr gute Ideen oder positive Erwartungen.

   Oder doch das ganze Gegenteil dazu: Über die Gefahren, die uns immer noch bedrohen? Über die Risiken der Öffnung? Über … Über … Über!!!???

   Doch ich will mich jetzt ganz einfach an den Bibeltext halten, der heute am 4. Sonntag der Passionszeit dran ist, denn in ihm geht es um Jesus – und DER ist immer noch und zu allen Zeiten der Wichtigste.

 

   Also: Evangelium nach Johannes 12, Vers 20-26:

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.

21 Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.

22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen's Jesus weiter.

23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

25 Wer sein Leben liebhat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben.

26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

 

Liebe Gemeinde!

   Das hätte ich mir auch gewünscht, wäre ich mit den griechischen Festpilgern in Jerusalem gewesen: "Wir wollen Jesus sehen!" Diese Bitte ist auch heute noch nachdenkenswert. Viele Jahre habe  ich von Jesus gehört, immer wieder auf ihn gehorcht, seine Worte um- und umgewälzt, um ihm näher zu kommen. Wer war er wirklich? Erst recht weiß ich bis heute nicht, wie er ausgesehen hat. Das 'Schweißtuch der Veronika' hilft mir da auch nicht viel weiter. Dazu kommt: Man legt sich ja meist viel zu schnell ein Jesusbild zurecht, oft beeinflusst von den Modeströmungen der jeweiligen Zeit: Einmal ist es der Hirte oder der Lehrer, der im Vordergrund steht, manchmal der harte Richter, später dann der Freund voller Zartheit oder wie hier der tiefsinnige Prediger des Johannesevangeliums, dem wir heute begegnen.

   Welches ist das authentische Jesusbild? Ich hätte schon gerne gewusst, wie er ausgesehen hat. Genauer: Ich hätte gerne in seinem Gesicht gelesen, als er dem jungen Mann nachsah, der sich von ihm abwandte, weil er 'viele Güter' hatte. Oder als er im Tempel die Witwe entdeckte, die ihre letzten Pfennige in den Opferkasten legte. Ich hätte mich liebend gern unter Jesu Augen gestellt, um in seinem Gesicht zu lesen, wer er denn ist. So wie es sich die Leute aus Griechenland gewünscht hatten.

   Doch was die Griechen damals dann erfuhren, erfahre ich offenbar noch heute: Ein halbwegs authentisches Bild von Jesus zu gewinnen, wird 'von jener Stunde' an nicht mehr gewährt. Gut, es gibt im Neuen Testament einige Spuren, die uns 'den Menschen Jesus sehen lassen'. Seine Lebenswelt, der Menschenkreis, in dem er lebt und wirkt, schimmern durch seine Gleichnisse und sein Tun unter den Menschen hindurch. Aber das ist heute nicht das Thema. Jetzt geht es um ein anderes Fragenbündel: Kenne ich Jesus, wenn ich ein Bild seiner 'historischen Erscheinung' gewinne? Reicht ein flüchtiges Sehen aus, um zu entdecken, was an Geheimnis in ihm, dem Christus Gottes, verborgen ist?

   Wir sollten diese Fragen nicht leichthin abtun. Sie haben Gewicht - bis in unsere Tage. Das zeigt die für damals etwas umständliche Weise, mit der die Griechen an ihr Ziel kommen wollten. Sie gingen zu Philippus. Der entscheidet nicht allein, bespricht sich mit Andreas. Dessen Antwort: 'Da müssen wir Jesus selbst fragen. Draußen stehen die ersten Heiden, die dich kennen lernen wollen.' Eine hochbedeutsame Stunde, findet der Evangelist. Das heidnische Europa klopft an Jesu Tür! 'Auch wir wollen dabei sein, wenn es um Jesus geht.'

   Ähnliche Fragen geistern noch immer durch das gegenwärtige Europa. Noch immer heißt es: 'Wer war Jesus wirklich?' In keinem Jahrhundert wie in dem vergangenen sind so zahlreiche Bücher über Jesus, über seine Person und sein Werk geschrieben worden. Von kritischen Theologen und noch kritischeren Laien. Zeitschriftenartikel - oft sensationell aufgemacht - wollten 'das' Bild des Nazareners zeichnen: 'Wir wissen's jetzt genau. Ihr braucht ihn, die Bibel, nicht mehr zu bemühen. Wir wissen Bescheid.' Herausgekommen sind wieder die verschiedenen Konturen seiner Person. Er sei wie ein frommer Wanderprediger, ein guter, gerechter Mensch voller Lebensweisheit, ein Freund der Armen, ein Anwalt der Rechtlosen. Einer, der solidarisch eintritt für mehr Menschlichkeit. Oder gar ein Revolutionär.

   In jedem dieser Bilder steckt Wahres, so wie auch das Bild, das sich in meinem Kopf und Herz eingenistet hat, nicht völlig verkehrt sein wird. Doch ist es ein authentisches, echtes Jesusbild? Ist es das Bild des Mannes, der tags zuvor in die Stadt Jerusalem eingezogen ist, zwar lächerlich reitend auf einem Esel, aber doch angetan mit der ganzen messianischen Würde dessen, der da kommt im Namen des Herrn? Über den man in einer der Amtsstuben schon beschlossen hat, ihn aus dem Weg zu räumen? "Es hilft alles nichts", klagte man dort, "alle Welt läuft ihm nach." Sogar die griechischen Pilger fangen an, nach ihm zu fragen.

   Die beiden Jünger machen ihre Sache gut. Sie entwerfen nicht ihr eigenes Bild von Jesus, obwohl das hochinteressant wäre. Nun soll Jesus selbst den Fingerzeig geben, wie einer zu ihm findet und inne wird, wer er für ihn sei. "Jetzt ist die Stunde gekommen, in der der Menschensohn von Gott verherrlicht wird." Ich kann mir nicht helfen, diese Antwort - wenn sie denn eine direkte Antwort sein will - ist wieder eingebunden in eine Art Rätselrede. Es bleibt eine Distanz - auch gedanklich - zwischen Jesus und denen, die nach ihm verlangen. Er kommt uns nahe, in seinen Worten und im Spiegel seiner Wirkung unter denen, die ihm dienen und folgen. Aber so wie er uns nahe kommt, wird er uns auch wieder fremd. Er ist anders als wir. Für das unmittelbare Geschehen - die Begegnung mit den Leuten aus Griechenland - bedeutet dies: Jetzt ist nicht mehr die Stunde der guten Gespräche, die sicherlich für viele damals und heute viel zu kurz waren. Jesus weiß, welchen Weg er gehen wird. Auf ihn warten die Folgen seiner Sendung durch den Vater, die zutiefst schmerzlichen Folgen die sein Leben konsequent zu Ende bringen.

   Es ist unendlich viel hineingeheimnist in das Wort von der 'Verherrlichung'. Nun soll sichtbar werden, wie über dem irdischen Lebensgang Jesu und sogar noch über seinem bevorstehenden Sterben die Herrlichkeit Gottes steht. Erst wenn wir verstehen, dass göttliche Herrlichkeit auf ihm liegt, und wenn diese Herrlichkeit alle unsere Bilder von Jesus durchleuchtet, dann, bin ich gewiss, haben unsere Augen wirklich Jesus gesehen: Jesus, der Gesandte, der Christus Gottes. 'Herrlichkeit', das meint auch, dass er weit über unser Menschenwesen hinausgreift. Er hat die Vollmacht vom Vater. Das hilft uns, ihm zu folgen und anderen, wie die beiden Jünger, zu dienen: 'Was er euch sagt, ist wahr. Ihm könnt auch ihr folgen.' Er ist der, in dem Gott selbst den Menschen begegnet, damals und immer.

   Doch dann legt uns Jesus sein Wort selbst aus: Mein Weg ist wie der Weg des Weizenkorns. Das Bildwort vom Weizenkorn leuchtet unmittelbar ein. Ein Korn, das im Beutel des Sämanns zurückbleibt, wird keine Frucht bringen. Doch in die dunkle Erde gelegt, indem es sich auflöst, entwickelt es ungeahnte Wachstumskraft. Eine Ähre kann dutzende neue Körner hervorbringen. Man kann dies schon einem Kind zeigen. Aber ins Nachsinnen bringt uns Jesus, weil er den Weg des Weizenkorns zum Gleichnis macht für seinen Passionsweg in den Tod. So wie das Weizenkorn hinein sterben muss in die aufgerissene Furche der Erde, so muss Jesus in den Acker der Welt hineingeworfen werden, um seinen Auftrag zu erfüllen.

   So deutet Jesus selber seinen Tod. Er muss seine eigene Herrlichkeit aufgeben, um für alle Menschen aus seiner Herrlichkeit neues Leben zu gewinnen. Ich glaube, hier liegt die unerklärliche, für uns fremde Hoheit des Christus verborgen. Sie liegt im Weg und Geheimnis des Weizenkorns, das stirbt und aufersteht zur Herrlichkeit Gottes, um 'sie alle zu sich zu ziehen'. Oft frage ich mich: Hätte Jesus nicht den Pilgern in Jerusalem eine mitreißende Predigt halten können wie damals auf dem Berg? Viele wären ihm gefolgt, der bittere Kelch an ihm vorübergegangen. Er hätte die Freude eines großen Erfolgs haben können. Doch er ging den anderen, den unteren Weg. Und dennoch wird der Evangelist Johannes nicht müde, uns zu sagen, dass auch diese Wegstrecke durchleuchtet ist von der Herrlichkeit, von dem Licht des Himmels, das auch in der Dunkelheit scheint. Es bleibt aber ein Geheimnis für uns. Jesus führt uns bis zu seiner Tür. Die ganze Auflösung, sagt er, werden wir 'hernach erfahren'.

   Zuletzt nimmt Jesus uns und unser Leben in seinen Blick. Er macht uns aufmerksam, dass nun auch die Stunde gekommen ist für ein Leben, das gelingt, weil er es öffnet für den Lichtschein seiner Herrlichkeit. Nun darf der Gedanke an den Tod, ungebetener Gast an Tagen und Nächten, uns das Leben mit all seiner Freude nicht aushöhlen. Jedes Leben hat seinen Wert in sich selbst, auch das ärmste. Doch auch dies: Gelingendes Leben wird sich nicht verlieren in der Unmenge der Angebote dieser Welt. Es wird auch nicht trotz der tausend Möglichkeiten in Einsamkeit und Resignation versinken. Der Weg Jesu weist hier ins Offene und Weite: Hier allem Leben freundlich zugetan, einer des anderen Freude und Hilfe. Und zugleich den Abschied vom bunten Leben nehmen als den Durchgang zum Vater und zu der Herrlichkeit, die Jesus für uns bereitet hat. Innewerden, dass beides zusammen gehört: Haben und Hergeben. Loslassen und Ergreifen.

   Einige Griechen wollten Jesus kennen lernen. Das ist die Antwort des Evangeliums: Du lernst ihn kennen, indem du ihm folgst.

 

23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

25 Wer sein Leben liebhat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben.

26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

Fürbittengebet

Jesu, meine Freude, der du den Tod besiegt hast und   auferstanden bist, höre unsere Bitten:

Jesu, meine Freude, bleibe bei denen im Leid, bei denen, die sich verlassen fühlen, bei denen, an die keiner denkt, und bei denen, die uns am Herzen liegen.

Jesu, meine Freude, gewähre denen Unterschlupf, die sich in den Stürmen des Lebens befinden und denen, die buchstäblich den Stürmen auf der Straße ausgesetzt sind, den Obdachlosen, den Verarmten.

Jesu, meine Freude, stehe denen bei, die dem Tod begegnen, den Sterbenden, den Trauernden, den von der Logik der Welt Zermalmten.

Dennoch bleibst du auch im Leide: Jesu, meine Freude.

Amen.