Predigt Sonntag "Judika" (21.03.2021)

So wurde am 21. März 2021, Judika, in Neuenkirchen gepredigt; Predigttext: Hiob 19,2+18-29

 

Tagesgebet:

Gott, unser Vater, in Jesus Christus hast du uns gezeigt, was Vergebung bedeutet,

und du hast uns in ihm ein Beispiel gegeben.

Dein Recht braucht die Welt, Gott, nicht das unsere.

Lehre uns, deinen Weg zu gehen, und begleite uns durch deinen Heiligen Geist, in Zeit und Ewigkeit.

Amen.

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.             Amen.

 

Liebe Gemeinde!

Durch die Veränderungen der Predigtordnung vor einigen Jahren sind nun viel mehr Texte aus dem Alten Testament zu predigen. So auch unserer heutiger Predigttext aus dem Buche Hiob, aus dem 19. Kapitel. Bei der Vorbereitung habe ich festgestellt, dass dieser Bibelabschnitt nur sehr schwer in einen verständlichen deutschen Text zu übersetzen ist, ja, dass er in unseren verschiedenen Bibelausgaben unterschiedlich übersetzt wurde. Ich habe daher heute die neue Bibelübersetzung der BasisBibel mitgebracht, einfache, kurz und knackige Sätze:

 

Und so bricht es aus Hiob hervor (Hiob 19,2+18-28):

2 Wie lange wollt ihr mich noch quälen

und mit Worten auf mich einschlagen?

18 Sogar die Kinder um mich herum verachten mich.

Und wenn ich mich von meinem Krankenbett erhebe, machen sie Witze über mich.

19 Meine engsten Freunde verabscheuen mich.

Sogar diejenigen, die mir am liebsten sind,

stehen mir feindselig gegenüber.

20 Meine Haut klebt nur noch an den Knochen

Nur das nackte Leben ist mir noch geblieben.

21 Habt Mitleid, habt Mitleid mit mir,

ihr seid doch meine Freunde!

Denn Gott hat mich mit diesem Unglück geschlagen.

22 Warum verfolgt ihr mich, wie Gott es tut?

Wann hört ihr endlich auf, mich zu zerfleischen?

23 Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte,

dass meine Verteidigungsrede aufgeschrieben wird

– wie bei einer Inschrift, die man in den Stein ritzt!

24 Mit einem Meißel soll man sie in den Fels hauen

und ihre Buchstaben mit Blei ausgießen.

25Ich weiß ja doch, dass mein Erlöser lebt.

Als mein Anwalt wird er auf der Erde auftreten

und zum Schluss meine Unschuld beweisen.

26 Mit zerfetzter Haut stehe ich hier.

Abgemagert bin ich bis auf die Knochen.

Trotzdem werde ich Gott sehen.

27 Ich werde ihn mit meinen Augen sehen,

und er wird für mich kein Fremder sein.

So wird es sein, auch wenn ich schon halb tot bin.

28 Ja, ihr überlegt noch immer,

wie ihr mich zur Strecke bringen könnt.

Ihr glaubt, die Schuld liege allein bei mir!

 

Ziemlicher Hammer was Hiob da sagt, wahrscheinlich brüllt und schreit. „Warum verfolgt ihr mich, wie Gott es tut?“ –Das ganze Buch Hiob ist so. Wie kann Gott das zulassen? Ist Gott der Verursacher des Bösen? Ist das etwa gerecht was mir geschieht? Fragen, die die Menschheit sich seit Jahrtausenden stellt. Einen Versuch der Beantwortung dieser Fragen habe ich Ihnen heute mitgebracht. Nicht von mir selber geschrieben – aber gut erzählt. Da heißt es:

 

1

Hiobs Geschichte ist der Teil einer viel größeren Geschichte. Sie klingt ein wenig wie ein Märchen, aber tatsächlich ist es unsere eigene Geschichte. Man könnte sie folgendermaßen erzählen:

 

Vorzeiten lebte eine Menschheitsfamilie. Sie bestand aus verschiedenen Sippen, die einen hier, die anderen dort. Wo immer sie lebten, hatten die Menschen gelernt zusammenzuarbeiten. Das machte es leichter, etwas zu essen zu bekommen und sich gegen wilde Tiere zu verteidigen. Und indem ihr Leben leichter wurde, fingen sie an, Besitz anzusammeln. Dadurch allerdings entstand immer wieder Streit. Die eine nahm der anderen etwas weg. Einer meinte, das Kind, das er mit seiner Frau zusammen ernährte, sei nicht von ihm. Man wurde zornig und wollte Strafe. Oder lieber noch: Rache.

 

Aber Rache gebar noch mehr Rache. Tötest du meinen Bruder, töte ich zwei deiner Brüder. Darum erfanden die Menschen Gesetze. Diese sollten für ein Gleichgewicht sorgen, das man Gerechtigkeit nannte. Zum Beispiel: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Man durfte nur so viel wegnehmen, wie einem selbst weggenommen worden war. Es sollte Wiedergutmachung geben, aber keine Rache mehr. Und die Menschen waren stolz darauf, dass sie nun zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse unterscheiden konnten.

 

Die Menschen merkten, wie machtvoll diese Unterscheidung war, und waren davon überzeugt, sie müsse von Gott gekommen sein. Sie stellten sich vor, dass Gott ihr oberster Richter war, der alles sehen konnte und darüber wachte, ob die Gesetze eingehalten wurden. Er würde es gut finden, wenn sie alles richtig machten. Und er würde sie strafen, wenn sie es nicht taten. Wenn jemandem etwas Schlimmes widerfuhr wie Krankheit oder Unfall, hieß es: Du musst etwas Böses getan haben, sonst würde Gott dich nicht bestrafen. Und wieder waren die Menschen stolz. Denn mit Gottes Strafe konnten sie Dinge erklären, die ihnen vorher ein Rätsel gewesen waren. Und weil sie feststellten, dass es keinem Mensch gelingt, immer nur gut zu sein, brachten sie Gott Opfer, damit er sie trotzdem nicht strafte.

 

2

Bald fingen sie an, sich Geschichten zu erzählen von erstaunlich gerechten Menschen, die alles taten, was Gott von ihnen wollte. Sie erzählten von Abraham, der für Gott sogar seinen Sohn geopfert hätte. Sie erzählten von Hiob, der all seine Kinder, seinen Reichtum und seine Gesundheit verlor, weil der Teufel mit Gott um seine Treue gewettet hatte. Aber Gott gewann, denn Hiob hielt zu Gott. Er wurde gesund und reicher und kinderreicher als zuvor.

 

Niemand interessierte sich für Abrahams erschrockenen Sohn oder Hiobs tote Kinder. Niemand interessierte sich für die Frage, ob ein gerechter Richter die Menschen auf solche Proben stellen würde. Wichtig war nur der unglaubliche Gehorsam gegen Gott, auch wenn Hiob weinte und schrie und Gott anklagte. Denn dieser erschien ihm wie eine Mauer, gegen die er anrannte, bis Gott schließlich in all seiner Macht doch mit ihm sprach und ihn von seinem Leid erlöste.

 

Die Menschen liebten diese Geschichten, denn sie wussten aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt zu leiden. Sie wussten, wie schrecklich es ist, wenn man krank ist oder seine Kinder verloren hat – und wenn andere einem dann noch die Schuld dafür geben. Sie wussten, wie furchtbar es ist, wenn man seine Unschuld beteuert und niemand einem glaubt. Indem sie Hiobs Geschichte erzählten, begriffen sie, was sie eigentlich schon lange gewusst hatten, nämlich: dass das Leben nicht gerecht ist, weil es den Ehrlichen nicht immer gut geht oder den Bösen schlecht. Aber weil sie keine Erklärung dafür fanden, fuhren sie fort, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, denn das hatte sich bewährt. Manchmal konnten sie dadurch Gerechtigkeit herstellen. Und manchmal fühlte es sich einfach gut an, wenn man sich selber zu den Guten zählen und mit dem Finger auf andere zeigen konnte.

 

3

Als später Jesus von Nazareth mit den sogenannten Bösen zu Abend aß, von der Vergebung Gottes predigte und sagte: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ – da taten sich einige zusammen, die genau zu wissen glaubten, was das Gute sei, und brachten Jesus um. Sie hofften, niemand würde sich an seine Worte erinnern. Aber es dauerte nicht lange, da hieß es, Gott habe Jesus auferweckt und werde auch alle anderen Menschen eines Tages auferwecken. Und die Menschen, die an Jesus glaubten, wurden immer mehr. Sie waren sich sicher, dass Gott mit dem Tod Jesu einverstanden gewesen sein musste. Ja, sie sagten, sein Tod sei sogar nötig gewesen, um das gerechte Gleichgewicht wiederherzustellen, das die Menschen mit ihren bösen Taten durcheinandergebracht hätten. Man fing an, von Jesus als einem Opfer zu sprechen, das den Zorn Gottes besänftigt habe. Oder man nannte ihn ein Lösegeld für die menschlichen Sünden. Denn Opfer und Lösegeld kannten die Menschen, schon; diese Erklärung erschien ihnen vernünftig. Und sie erwarteten eine große Gerichtsverhandlung Gottes, zur Strafe und zur Belohnung an Orten, die sie Hölle und Himmel nannten.

 

Eifrig überlegten sie, wer von ihnen wohl eines Tages an welchen Ort kommen würde. Sie fingen an, nicht nur die Taten der anderen zu beurteilen, sondern auch den Glauben und die Meinungen. Es war schön, sich selbst zu denen zu rechnen, die später in den Himmel kommen würden. Es tat gut sich vorzustellen, wie die, die man noch nie gemocht hatte, später in die Hölle kommen würden. Der alte Drang nach Rache und Strafe wohnte immer noch in den Herzen der Menschen.

 

 

4

Und so urteilten sie und bewerteten einander. Jahrhundertelang. Diejenigen, denen Gott und der Himmel irgendwann nicht mehr wichtig waren, konnten über andere Dinge urteilen. Man beurteilte, was der andere aß oder wen er wählte, welche Hautfarbe jemand hatte oder in wen er sich verliebte. Die einen wurden verdächtigt, böse zu sein, weil sie „alte weiße Männer“ waren, und andere, weil sie junge schwarze Männer waren. Und weiterhin fühlten Tausende Menschen dasselbe wie Hiob:

19 Meine engsten Freunde verabscheuen mich.

Sogar diejenigen, die mir am liebsten sind,

stehen mir feindselig gegenüber.

20 Meine Haut klebt nur noch an den Knochen

Nur das nackte Leben ist mir noch geblieben.“

 

Die Verfolgten versuchten, sich aus den Schubladen zu befreien, in die man sie gesteckt hatte. Sie schrien auf gegen Vorurteile und Hassreden und gegen den Verdacht, von Gott verabscheut zu werden. Und sie sehnten sich danach, dass man ihnen ihre Unschuld glaubte und nie wieder vergäße:

 

23 Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte,

dass meine Verteidigungsrede aufgeschrieben wird

– wie bei einer Inschrift, die man in den Stein ritzt!

24 Mit einem Meißel soll man sie in den Fels hauen

und ihre Buchstaben mit Blei ausgießen.

 

Aber doch keimte mit der Zeit immer wieder und immer stärker der Gedanke auf, dass Gott kein Gerechtigkeits-Prüfer von Beruf ist, der Belastungsproben erfindet, und kein Buchhalter mit gewaltigen Listen von Sünden oder guten Taten. Man ahnte, dass Gott kein Wettbüro hat und keine Lösegelder oder Opfer fordert wie die Mafia. Denn noch nie ist es ihm um Strafe gegangen; es sind die Menschen, die sich danach sehnen, nach Rache und Genugtuung. Gott aber geht es um etwas anderes:

 

25Ich weiß ja doch, dass mein Erlöser lebt.

Als mein Anwalt wird er auf der Erde auftreten

und zum Schluss meine Unschuld beweisen.

26 Mit zerfetzter Haut stehe ich hier.

Abgemagert bin ich bis auf die Knochen.

Trotzdem werde ich Gott sehen.

27 Ich werde ihn mit meinen Augen sehen,

und er wird für mich kein Fremder sein.

 

5

Irgendwann in Zukunft werden wir verstanden haben, dass Gottes Hauptberuf der des Erlösers ist. Er ist imstande, aus Bösem Gutes entstehen zu lassen, immer wieder, bis es eines Tages das Böse nicht mehr geben wird. Er lehrt Menschen, was Achtung und Vergebung ist. Auch wenn das quälend lange dauert, haben wir schon viel dazugelernt. Wir brauchen Richter für unser Zusammenleben, aber wir versuchen dafür zu sorgen, dass jedem Angeklagten zugehört wird. Wir haben die Todesstrafe abgeschafft und kämpfen gegen Folter. Wir versuchen, die Höllen von Gewalt und Unterdrückung auf der Welt zu schließen. Dafür müssen wir das Böse erkennen und beim Namen nennen. Zugleich ahnen wir aber, wie groß die Versuchung ist, andere für böse zu erklären, nur um sich selbst überlegen zu fühlen. Wir lernen, dass wir immer noch eine Menschheitsfamilie sind, die gut daran täte, sich nicht ständig in „Wir“ und „die Anderen“ zu zerteilen.

 

Deswegen stehen wir denen bei, denen Schlimmes widerfährt, egal wer sie sind. Wir leiden mit; und was wir nicht verstehen können, werden wir nicht mit Gottes Strafe erklären. Wir hören zu, damit Menschen in ihrer Verzweiflung nicht gegen eine Mauer des Schweigens rennen und sich von Menschen verurteilt finden, so als hätte Gott selbst sie verurteilt.

 

Wir lernen von Gott. Denn er ist Erlöser von Beruf. Er ist der Lebendige jenseits von Gut und Böse. Er ist weniger Richter als vielmehr Anwalt des Lebens und des Zusammenlebens. Einer, der seine Menschheitsfamilie nach und nach lehrt, dass die Unterscheidung von Gut und Böse dazu dient, nicht das Schlechte beim anderen zu suchen, sondern das Gute sich selbst abzuverlangen.

 

Ich weiß ja doch, dass mein Erlöser lebt.“ Amen.

 

 

Eine kleine Abschweifung hinten dran. Warum heißt Martin Luther „Luther“ und nicht Luder wie sein Vater? Von November 1517 an, also direkt nach dem Thesenanschlag, bis zum Januar 1519 unterschrieb er Briefe an seine engsten Freunde mit „Martinus Eleutherius“. Er hatte nämlich festgestellt, dass sein alter Name Luder auf eine Antike Form zurückgeht, die „der Freie“ oder „der Befreite“ bedeutet. Und gerade jetzt fühlte er sich genau so – er war der Befreite seines Erlösers Jesus Christus. Zurück ins Deutsche übertragen wurde bei ihm Luther daraus. Martin Luther, der durch Christus Befreite.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus.           Amen.

 

 

Fürbittengebet:

Gott, unsere Klagemauer, wir rufen zu dir,

aber manchmal rennen wir auch gegen dich an.

Wir bitten dich für alle, die sich von dir verlassen fühlen, die keine Hilfe von dir erkennen können und an ihrem Elend zerbrechen. Gib dich ihnen tröstend zu erkennen und eile ihnen zu Hilfe.

 

Gott, unser Helfer, wir bitten dich für die grundlos Verfolgten, die Gehetzten und Atemlosen, die Unterdrückten und Gequälten.

Stelle ihnen Menschen an die Seite und Fürsprecher, die ihre Stimme erheben und Gerechtigkeit fordern. Nimm du dich ihrer Sache an.

 

Gott, du Anwalt des Lebens, wir bitten dich für die Menschen, die im Namen von Recht und Gesetz arbeiten, für Richter und Anwälte, Justizangestellte und Polizisten:

Lass sie deine Gerechtigkeit nicht aus den Augen verlieren und schenke ihnen klares Urteilsvermögen. Stärke sie zu ihrem Tun und lass sie die Anerkennung erfahren, die sie verdienen.

 

Gott, der du unsere Herzen kennst, wir bitten dich für uns, dass wir in der Unterscheidung von Gut und Böse nicht den Splitter in den Augen der anderen suchen, sondern bei uns selbst anfangen.

Du bist unser Vater, lass uns handeln, wie es den Kindern Gottes zukommt.                                                  Amen.