Predigt Sonntag "Palmarum" 28.03.2021

So wurde am 28. März 2021, Palmarum, in Wettringen gepredigt; Predigttext: Philipper 2,5-11

Prediger: Pfarrer Dietrich Wulf

 

Tagesgebet:

Gott, oft erkennen wir wenig von deiner Macht. Schenke uns deinen Geist, dass wir anders sehen lernen und deine Macht erkennen hinter dem, was uns Angst macht.

Gib uns die Kraft und den Mut, deinen Sohn Jesus Christus als Herrn zu bekennen, vor uns selbst und vor anderen.

Jetzt in der Zeit – und in alle Ewigkeit.

Amen.

 

 

Predigt:

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.             Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Die Meisten von uns werden das folgende Sprichwort vermutlich kennen: "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder!"

Wie zweifelhaft dieses Sprichwort ist, zeigt das Evangelium vom Einzug Jesu nach Jerusalem, das wir vorhin als Evangeliums-Lesung gehört haben. "Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!" Dieses begeisterte Lied haben die Menschen beim Einzug Jesu nach Jerusalem gesungen. Ein paar Tage später haben sicher viele, die so gesungen haben, "Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!" gerufen, scandiert, auch eine Art von singen. Nein, leider haben auch böse Menschen ihre Lieder. Nur, das Neue Testament hält an einer Besonderheit fest, die da lautet: Auch böse Menschen singen manchmal die richtigen Lieder.

Eigentlich müsste ich nun auch singen. Denn der heutige Predigttext ist ebenfalls ein Lied. Ein Lied, das Christinnen und Christen schon vor 2.000 Jahren gesungen haben. Aber erstens kenne ich nicht die Melodie, nach der dieser Hymnus damals gesungen wurde. Und zweitens kann ich, wie fast alle wissen, besser lesen als singen. Von wegen Corona ja sowieso nicht. Darum will ich es Ihnen vorlesen. Es ist die Epistel für den heutigen Palmsonntag und steht im Brief des Paulus an die Philipper. Hören Sie, in neuerer Übersetzung, die Einleitung und den ersten Teil dieses Liedes:

 

Richtet euer Leben nach dem aus, was im Herrschaftsbereich Christi gilt. Denn ihr kennt doch das Lied:

Obwohl Jesus Gott gleich war, hielt er seine Gottgleichheit nicht wie einen Raub fest. Sondern er gab sie auf und nahm die Gestalt eines Sklaven an. Er wurde wie die anderen Menschen auch, war in seinem Verhalten und seinen Gebärden einer von ihnen.

 

Dass ein göttliches Wesen vom Himmel auf die Erde steigt – die Menschen vor 2.000 Jahren fanden nichts dabei. Viele Geschichten und Lieder erzählten sie sich damals von Göttern, die vom Himmel zur Erde stiegen und Menschengestalt annahmen.

Wir aber leben heute im Jahr 2021 und sagen vielleicht: "Göttliche Wesen, die vom Himmel auf die Erde steigen – das gibt es doch gar nicht! – Außer im Sience Fiktion – oder einer der Vorstellung von Herrn Erich von Däneken." Nur: Damit hätten wir aber das alte biblische Lied zu schnell beiseitegelegt. Ich meine, wir sollten erst einmal fragen: "Was wollten denn die Menschen damals damit sagen?" Und können wir das, was sie in ihren Vorstellungen sagten, so ausdrücken, dass wir heute verstehen, was dieses Lied uns verkündigen will? Ich meine, das kann man.

Denn dieses Lied will ja die Geschichte Jesu erzählen. Und die Dichter dieses Liedes meinten: "Als Erstes müssen wir sagen: Jesus von Nazaret war anders als alle anderen Menschen." Sie drückten das so aus: "Er war Gott gleich und kam vom Himmel herab." Das heißt ja: Jesus lebte als Einziger das wirkliche Leben, weil sein Leben ganz von Gott bestimmt war. Ihn hat Gott sich ausgesucht; ausgesucht, um allen Menschen deutlich zu machen: "So bin ich – euer Gott".

Jesus lebte in Nazaret, ja, aber kann man nicht auch sagen: "Er lebte im Paradies", weil Gott sich so eng mit ihm verbunden hatte? Und dann geschieht das Unbegreifliche: Jesus behält seine Verbundenheit mit Gott nicht für sich, er will sie nicht als Privatbesitz genießen. Er, der ganz anders hätte leben können als wir, wird uns gleich. Er bleibt nicht mit Gott allein in Nazaret. Er wird im wahrsten Sinne heimatlos, zieht ohne festen Wohnsitz durchs Land, weicht dem Elend nicht aus, sondern berührt die Aussätzigen, zieht durch das verachtete Samarien und hat als Gefolgsleute unter anderem ehemalige Zöllner, von allen verachtet, weil sie mit der Besatzungsmacht zusammenarbeiteten.

"Schön dumm!", sagen viele: "Was man hat, das hat man. Das gibt man doch nicht so einfach auf."

 "Seht ihr!", antwortet nun das Lied: "Wir denken aber so, Jesus war eben ganz anders als wir, in ihm zeigte sich Gott."

Merken Sie? Überraschenderweise gibt das Lied manchem Zweifler recht, wenn es sagt: "Wer zum Himmel aufschaut, der kann nicht erkennen, wie Gott ist." Aber es bleibt eben nicht in dieser Verneinung, sondern es wird gesagt: "Gott kann man schon erkennen. Um ihn und sein Wesen zu erkennen, müsst ihr euch diesen Menschen ansehen."

 

„Freiwillig nahm er das Sterben auf sich, ja, sogar den Tod am Kreuz.“ – So geht das Lied nun weiter.

 

Nicht nur ein bisschen wird Jesus uns gleich. Nein, er wird uns ganz und gar gleich. Nicht mehr Gott allein für sich zu haben, das führt ihn nach unten. Sein Bei-Gott-Sein, das tauscht er ein gegen die Feindschaft der Machthaber, gegen die Verachtung der frommen Gelehrten, gegen die Schläge der Soldaten. Und ich kann die Fassungslosigkeit der Menschen verstehen, zum Beispiel die seiner Verwandten, die sagen: "Er ist verrückt geworden!" Aber auch die Fassungslosigkeit der Frommen, die ihn mit Huren und Betrügern an einem Tisch sitzen sehen und meinen: "Der hat den Teufel im Leib!" Pilatus schließlich schüttelt nur noch seinen Kopf über so viel Narrheit, zeigt ihn dem Volk und ruft: "Nun seht euch doch bloß diesen Menschen an!"

Jesus wurde wie wir. Mehr noch als wir wurde er dann ein Spielball der Mächtigen, von Todesangst gequält, verraten und verkauft; er wurde einer, dessen Hände festgenagelt wurden. "Ein Sklave wurde er wie alle Menschen", singt das Lied. Bis zum Tod wurde er uns gleich.

Und - vermutlich Paulus - hat ganz gegen den Rhythmus noch eingefügt: "Ja, bis zum Tode am Kreuz!"

Wenn ich ehrlich bin, mir will das kaum in den Kopf: Da bindet sich Gott an einen Menschen. Und wir sehen nichts vom göttlichen Glanz. Wir sehen eine bespuckte, blutig geschlagene Gestalt, die wie ein Schwerverbrecher am Kreuz stirbt. So soll Gott sein?

"Ja, so ist Gott", singt das Lied. Gott, nicht fern hinterm Sternenzelt, ohne Leid – seit Jesus nicht mehr. Dort auf Golgatha, da ist er gegenwärtig. Die Kreuzigung –

nach unserer Erfahrung ist sie nun das Ende vom Lied. Jesus wurde wie wir – und er ging daran zugrunde.

So sieht es aus, aber: Es ist nicht so. Da, wo für uns mit dem Singen Schluss ist, beim Sterben, da geht dieses Lied weiter:

 

Deswegen hat ihm Gott die Herrschaft übertragen und ihm einen Namen verliehen, der alle andren Namen überragt, damit alle Mächte auf der Erde und im Universum ihn als Herrn anerkennen, und mit allen, die reden können, bekennen: "Herr ist Jesus!" Denn dadurch wird Gott geehrt.

 

Hier wird der Triumph Jesu gefeiert. Der freiwillig so wurde wie wir Menschen, hat nicht nur an den Ketten gezerrt, er hat sie zerrissen. Der, dessen Name am Karfreitag niemand mehr kennen wollte, hat einen neuen Namen bekommen: "Herrscher aller und über alles"!

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wer oder was über Sie herrscht? Ich habe beim Nachdenken herausgefunden, dass mich vieles beherrscht: mein Terminkalender, mein Bankkonto, die Meinung anderer über mich. Aber der schlimmste Herr bin ich mir selbst: mein Streben, besser zu sein als andere, der Wunsch, erfolgreich zu sein, alles perfekt zu machen – auch diese Predigt.

Wer oder was über Sie herrscht, weiß ich nicht. Doch Sie selbst wissen das, kennen Ihre Sklavenhalter nur allzu gut.

Das Lied singt mir zu: "Dein neuer Herr ist Jesus. Mit der Macht anderer Herren über dich ist es aus!" Und ich sage es Ihnen weiter: "Ihre Sklavenhalter sind erledigt. Ihr Herr ist Jesus." Dieser Wechsel ist nicht ein Wechsel von einem Sklavenhalter zum nächsten. Denn er ist anders als unsere bisherigen Herren. Er will nicht knechten, sondern befreien, und zwar dazu befreien, so bei Gott zu sein wie er. Jesus wartet nur darauf, dass wir in das Lied einstimmen, das unsere abgedankten Herrscher schon lange singen müssen: "Herr ist Jesus!"

 

Liebe Gemeinde!

Dieses Lied, ich weiß es ja, ist ein leises Lied. Und es ist ein seltenes Lied. Und doch können wir es hören.

         Ich denke, auch Sie können dieses Lied: "Herr ist Jesus!" immer wieder einmal hören: Wenn z.B. ein Kollege zum anderen sagt: "Na, lass mal! Komm, ich helfe dir!" Wenn eine Frau jahrelang für einen alten, einsamen Mann Essen kocht; wenn jemand den einlädt, den sonst alle in der Straße meiden, wenn in der Klasse dem Außenseiter geholfen wird - dann hören wir dieses Lied: "Herr ist Jesus!" Gut, ich weiß ja, oft überhören wir es auch, aber: Das Lied ist immer unter uns! Und es stimmt!

Sie und ich können es auf vielerlei Art singen - auch und gerade zu Corona-Zeiten.: mit Taten, mit Worten, mit Gedanken. Und wir können es überall singen: beim Arbeiten, beim Feiern, beim Kindererziehen. Für dieses Lied muss man eben auch nicht musikalisch sein. Dieses Lied können alle singen. Alle jedenfalls, die genug von ihren alten Herrschern haben.

Beim „Immer – Wieder – Singen“ dieses Liedes mit Taten, Worten oder in Gedanken werden Sie und ich merken: "Dieses Lied stimmt!" Und wir werden merken: Dieses Lied singen wir nicht solo, wir stimmen ein in einen mächtigen Chor. Denn an allen Orten und zu allen Zeiten wurde und wird dieses Lied gesungen. Es zu singen, steckt andere an. Und, glauben Sie mir: Dieses Lied wird sich durchsetzen.

                           

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus.                                                Amen.

 

 

 

Fürbittengebet:

Unser Gott, deine Größe und Ehre bekennen wir, und doch bist du gleichzeitig der Niedrige und Ohnmächtige unter uns.

 

Wir bitten dich für alle Christen auf der Welt:

Dass sie dich mutig als Herrn bekennen, Zeichen deiner Herrschaft setzen und in deinem Namen arbeiten für das Heil und das Wohl aller Menschen.

 

Wir bitten für unsere Gemeinde:

Dass sie den Reichtum in dir entdeckt und alle Niederlagen und Erfolge vor dir bedenkt.

 

Wir bitten für die, die uns regieren:

Dass sie ihre Macht als geliehene Macht begreifen und sie einsetzen, um den Frieden bei uns und in der ganzen Welt zu fördern.

 

Wir bitten für die Kranken und Sterbenden:

Dass du deine Macht an ihnen wahr machst, ihnen Genesung schenkst und sie nicht im ewigen Tode lässt.

 

Wir bitten für die Einsamen, Verlassenen und Zweifelnden:

Dass sie deine Kraft erfahren und neuen Mut zum Leben finden.

 

Gott, du hast mit der Auferweckung Jesus zum Herrn eingesetzt. Seine Herrschaft möge sich durchsetzen, mehr und mehr.

 

Amen.