500 Jahre Martin Luther und die Reformation

10. Predigt – Luthers Christologie, Luthers Christusglauben

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.


Liebe Gemeinde!

500 Jahre Martin Luther und die Reformation – heute die 10. Predigt – Luthers Christologie, Luthers Christusglauben.

Was auffällt ist, dass der Herr Professor Martin Luther nie eine Vorlesung über ein Evangelium gehalten hat. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes als ganze Evangelien kamen nicht vor. Er hielt zum Beispiel Vorlesungen über alle Psalmen, sogar gleich zwei mal, dann über das erste und das fünfte Buch Mose, über den Römer- und den Galaterbrief des Apostels Paulus und auch über den Hebräerbrief. Aber der Mensch Jesus interessierte ihn in diesen Vorlesungen nur am Rande.

Anders war das natürlich beim Prediger Luther. Im Normalfall wurde am Sonntag über das Evangelium des Tages gepredigt. Das war schon seit der Alten Kirche so und wiederholt sich auch bei uns noch alle sechs Jahre. Fast der Hälfte der über 2000 erhaltenen Predigten Luthers liegt ein Text aus den Evangelien zugrunde. Da kamen dann auch die Geschichten um Jesus vor. Und natürlich dessen eigenen Worte, die Gleichnisse, die Bergpredigt und schließlich seine Passion und Auferstehung.

Andere Predigten orientierten sich aber genauso gut an anderen neu- und alttestamentlichen Texten, oder waren Predigten zu bestimmten Themen, in denen unterschiedliche Bibelstellen zur Deutung herangezogen wurden.

Und dennoch ist das „solus Christus“, das allein Christus eine der vier Bekenntnisformeln reformatorischen Glaubens neben den drei anderen „sola scriptura“, allein die Heiligen Schrift, „sola gratia“, allein durch die göttliche Gnade und „sola fide“, allein durch den Glauben. Ja, man kann sogar sagen, das „solus Christus“ hat dabei den ersten Rang inne, ist die wichtigste dieser Aussagen.

Und das hatte mit Luthers ganz persönlichem reformatorischen Durchbruch zu tun: vom zornigen, den Menschen richtenden, allmächtigen Gott, hin zum gnädigen, barmherzigen und rettenden Christus. Man kann das auch „die Wende vom verborgenen zum offenbaren Gott“ nennen. In Jesus Christus, nicht sosehr im menschlich-irdischen Jesus, sondern im auferstandenen Christus tritt ihm Gott so entgegen, dass er ihn lieben und sich in seine Arme flüchten kann. In Jesus Christus hat er den gnädigen Gott gefunden. Luther merkt, die Rechtfertigung des Sünders geschieht allein durch Jesus Christus. Und nur um Christi willen haben wir das Heil. Luthers ganzes Denken kreist nun um diese Mitte: allein Christus.

In der zweiten Strophe vom Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ (EG 362) wird das ganz klar ausgedrückt:


2. Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;

es streit’ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.

Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth,

und ist kein andrer Gott, das Feld muss er behalten.“


Luther geht dabei sogar so weit, Jesus Christus mit dem Herrn Zebaoth, dem Herrn der himmlischen Heerscharen, also mit Gott selber gleichzusetzen. Und bekräftigt das dann auch noch: „und ist kein anderer Gott“. Im Lied „Vom Himmel hoch da komm ich her“ (EG 24) nicht anders:


3. Es ist der Herr Christ, unser Gott, der will euch führn aus aller Not, er will eu’r Heiland selber sein, von allen Sünden machen rein.

9. Ach Herr, du Schöpfer aller Ding, wie bist du worden so gering,

dass du da liegst auf dürrem Gras, davon ein Rind und Esel aß!“


Unser Gott und sogar der Schöpfer aller Dinge ist dieser Jesus Christus! Evangelischer, lutherischer Christusglauben ist Gottesgewissheit – und evangelische, lutherische Gottesgewissheit ist Christusglaube. Das Eine bedingt und erklärt das Andere ohne dabei immer sprachlogisch glatt aufzugehen. Nur durch Christus gibt es rechte Gotteserkenntnis. In Luthers eigenen Worten, bei den Tischgesprächen aufgeschrieben, lautet das so:


Ich habs oft gesagt, und sag es noch: Wer Gott erkennen und ohne Gefahr von Gott spekulieren will, der schau in die Krippe, heb unten an und lerne erstlich erkennen der Jungfrau Maria Sohn, geboren zu Bethlehem, so der Mutter im Schoß liegt und säugt oder am Kreuz hängt, danach wird er fein lernen, wer Gott sei. Solches wird alsdann nicht schrecklich, sondern aufs allerlieblichste und tröstlichste sein. Und hüte dich ja vor den hohen fliegenden Gedanken, hinauf in den Himmel ohne diese Leiter zu klettern, nämlich den Herrn Christus in seiner Menschheit, wie ihn das Wort fein einfältig darstellt. Bei dem bleibe und laß dich von der Vernunft nicht davon abführen, so ergreifst du Gott recht.“ (Kurt Aland: Luther deutsch. Band 9, S. 35)


Jesus Christus ist der Mittelpunkt des gesamten Glaubens, Lebens und Denken Luthers.“ (in: Hanns Leiner: Luthers Theologie für Nichttheologen, S. 102) Wenn Jesus Christus für Luther von so zentraler Bedeutung ist, wie kommt er zu dieser Meinung? Zwei Quellen sind es, die ihn leiten: einmal natürlich die Heilige Schrift und zum zweiten die Lehraussagen der alten Kirche.

Zuerst zur Bibel: in der 8. Predigt hatte ich es schon einmal gesagt: Als Professor für biblische Theologie, als Prediger des Evangeliums von Jesus Christus, als Lehrer der Kirche, als Mensch, der am Leben seiner Zeit – privat und politisch – beteiligt und tätig ist, in allen Bereichen seines Lebens gibt es für ihn nur eine Grundlage und Autorität – die Bibel. Und die Bibel ist für ihn dann interessant, wenn die einzelnen Bücher sich auf Christus beziehen. In Luthers eigenen Worten: „Und darin stimmen alle rechtschaffenen, heiligen Bücher überein, daß sie allesamt Christus predigen und treiben. Das ist auch der rechte Prüfstein, alle Bücher zu beurteilen, wenn man siehet, ob sie Christus treiben oder nicht.“ (Kurt Aland: Luther deutsch. Band 5, S. 63) Somit ist Christus die Mitte der Schrift.

Weiter beruft sich Luther auf die Lehraussagen der Alten Kirche, insbesondere die Glaubensbekenntnisse; besonders das Apostolische Glaubensbekenntnis legt er immer wieder aus. So auch im Kleinen Katechismus (EG 855.2 Das zweite Hauptstück – Der Glaube). Dort heißt es:


Der zweite Artikel. Von der Erlösung

geboren

Und an Jesus Christus,

seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

empfangen durch den Heiligen Geist,

geboren von der Jungfrau Maria,

gestorben

gelitten unter Pontius Pilatus,

gekreuzigt, gestorben und begraben,

hinabgestiegen in das Reich des Todes,

auferstanden

am dritten Tage auferstanden von den Toten,

aufgefahren in den Himmel;

er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;

von dort wird er kommen,

zu richten die Lebenden und die Toten.

geboren

Was ist das?

Ich glaube, dass Jesus Christus,

wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren

und auch wahrhaftiger Mensch

von der Jungfrau Maria geboren,

sei mein Herr,

gestorben

der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat,

erworben, gewonnen von allen Sünden,

vom Tode und von der Gewalt des Teufels;

nicht mit Gold oder Silber,

sondern mit seinem heiligen, teuren Blut

und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben;

auferstanden

damit ich sein eigen sei

und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene

in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit,

gleichwie er ist auferstanden vom Tode,

lebet und regieret in Ewigkeit.

Das ist gewisslich wahr.“


So wie sich der Text des Glaubensbekenntnisses am Dreischritt „geboren – gestorben – auferstanden“ orientiert, so orientiert sich auch Luthers Erklärung daran. In der Mitte des Glaubensbekenntnisses steht der Artikel von Jesus Christus. In der Mitte der Erklärung geht es um das Kreuz, um den Tod Jesu. Und dort steht als erste Aussage das wichtige Wort von der Erlösung: „der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat.“ Es geht um mein Heil. Ist Christus die Mitte der Schrift, dann ist Christus die Mitte aller Theologie, dann ist Christus Mitte allen christlichen Glaubens, dann ist die Mitte von allem, dass ich durch Christus erlöst bin. Luthers ganze Theologie ist sehr, sehr persönlich, sehr existentiell. Endlich hatte Luther in Jesus Christus den Erlöser, seinen gnädigen Gott gefunden, seinen Heiland.

Christus ist nicht nur Luthers Mitte, er ist auch meine Mitte, er muss unser aller Mitte sein – oder alles ist nichts! Es geht darum, dass auch wir Jesus wieder als unsere Mitte, als den Heiland, den Erlöser erkennen und anerkennen. Sicher, der Heiland Gottes ist vor langer Zeit auf die Welt gekommen, aber er ist auch der Heiland für uns. Er ist der, der uns das Heil, die Heilung und die Heiligung bringt.

Der Heiland, der Erlöser ist vor langer Zeit zu uns Menschen gekommen, aber er will auch immer wieder neu und zu jeder Zeit zu uns kommen, zu einem jeden und einer jeden von uns. So wie Jesus damals von Ort zu Ort gezogen ist, so will der Heiland auch heute von Mensch zu Mensch gehen, will jeden von uns heilen von all unseren Gebrechen. Unser Heil liegt darin begründet, dass wir, du und ich, den Heiland zu uns kommen lassen. „Ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt.“ (EG 1,1) Das hat Luther neu erkannt uns ins Bewusstsein gehoben.

Im Jahr 1528 schrieb Martin Luther ein eigenes Glaubensbekenntnis nieder. Aus dem mittleren Teil, über Jesus Christus will ich nun einiges zitieren:


Zum zweiten glaube ich und weiß, daß die Schrift uns lehret, daß die mittlere Person in Gott, nämlich der Sohn, allein wahrhaftiger Mensch geworden ist, von dem heiligen Geist ohne eines Mannes Zutun empfangen und von der reinen, heiligen Jungfrau Maria als von rechter natürlicher Mutter geboren, wie das alles Lukas klar beschreibt und die Propheten verkündigt haben. So daß nicht der Vater oder der heilige Geist Mensch geworden sei, (wie etliche Ketzer gelehret), auch daß Gott der Sohn nicht allein den Leib habe ohne Seele (wie etliche Ketzer gelehret), sondern auch die Seele, das ist: eine ganze völlige Menschheit angenommen hat und als rechter Same oder Kind Abraham und David verheißen und als natürlicher Sohn Marias geboren sei, in aller Weise und Gestalt ein rechter Mensch, wie ich selbst bin und alle anderen, nur dass er ohne Sünde allein von der Jungfrau durch den heiligen Geist gekommen ist. Und daß solcher Mensch wahrhaftig Gott sei als eine ewige, unzertrennliche Person aus Gott und Mensch geworden, so daß Maria, die heilige Jungfrau, eine rechte wahrhaftige Mutter nicht allein des Menschen Christi sei, sondern des Sohnes Gottes, wie Lukas spricht (Luk. 1, 35): »Das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden«, das ist mein und aller Herr, Jesus Christus, Gottes und Marien einziger, rechter, natürlicher Sohn, wahrhaftiger Gott und Mensch.“

Und weiter:

Auch glaube ich, daß solcher Gottes- und Mariensohn, unser Herr Jesus Christus, für uns arme Sünder gelitten hat, gekreuzigt, gestorben und begraben sei, womit er uns von der Sünde, Tod und ewigem Zorn Gottes durch sein unschuldig Blut erlöset, und daß er am dritten Tage auferstanden sei vom Tode und aufgefahren gen Himmel und sitzet zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters, ein Herr über alle Herren, König über alle Könige und über alle Kreaturen im Himmel, (auf) Erden und unter der Erde, über Tod und Leben, über Sünde und Gerechtigkeit. Denn ich bekenne und weiß aus der Schrift zu beweisen, daß alle Menschen von einem Menschen Adam gekommen sind und von demselben durch die Geburt Fall, Schuld und Sünde mit sich bringen und erben, die derselbe Adam im Paradies durch des Teufels Bosheit begangen hat, und (sie) so samt ihm allzumal in Sünde geboren, leben und sterben und des ewigen Todes schuldig sein müssen, wenn nicht Jesus Christus uns zur Hilfe gekommen wäre und solche Schuld und Sünde als ein unschuldiges Lämmlein auf sich genommen hätte, für uns durch sein Leiden bezahlet und noch täglich für uns (ein) stehet und (ein) tritt als ein treuer barmherziger Mittler, Heiland und einziger Priester und Bischof unserer Seelen.“

(Kurt Aland: Luther deutsch. Band 4, S. 309-310)


Das ist Luthers Christologie, sein Christusglaube. Das ist auch meine Christologie, mein Christusglaube. Im Grunde ist das der Glaube an Jesus, den Christus, der in allen christlichen Kirchen gelehrt wird.


Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.



Die nächste Luther-Predigt wird sein Menschenbild behandeln, Luthers Anthropologie. Sie wird zu hören sein am 10. Dezember 2017 in der Friedenskirche in Wettringen.